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Die Dialekt-Retter

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Der Schwätzkreis trifft sich regelmäßig im Heimatmuseum Seulberg.
Der Schwätzkreis trifft sich regelmäßig im Heimatmuseum Seulberg. © Renate Hoyer

Der Seulberger Schwätzkreis arbeitet am Sellwicher Lexikon und plant eine CD. Aber gemach: „Mer hetze uns nëit.“

Von Anton J. Seib

Wenn Friedrich-Wilhelm Jeckel sich an frühere Zeiten erinnert, können Fremde nur staunend zuhören. „Samstags koom die Saafefraa mem Laarewaache“, erzählt er. Und dass im Wäschkessel Hoink gekocht worn is. Und dass heute „die Kiën iwwerhappt ka Regadd mi hun“. Er erzählt das langsam, denn: „Mir hetze uns nëit.“

Einmal im Monat tagt der Seulberger Schwätzkreis im Heimatmuseum, dann feiert das alte Sellwicher Platt für ein paar Stunden fröhliche Urständ.

Mit Friedrich-Wilhelm Jeckel am Tisch sitzen diesmal Brigitte Spruck, Edith Büttner, Rita Schächer und Albert Feuer, alles gebürtige Seulberger und alle immer noch jener fremden Sprache mächtig, die heute kaum noch jemand im Munde führt.

„Mit der Landwirtschaft geht der Dialekt unter“, sagt Albert Feuer leise. Viele, bedauert er, sprechen heute nur noch Fernseh-Hessisch, so benannt nach der TV-Serie „Familie Hesselbach“ aus den 1950er Jahren. „Hessisch ist der einzige Dialekt, den es nicht gibt“, sagt Jeckel. Und erklärt, wie viele Dialekt-Färbungen es auf engstem Raum gibt. „Die Holzhäuser schwätze bräärer wëi die Sellwischer. Un erscht die Roarremer!“ Für Nicht-Seulberger: Die Burgholzhäuser sprechen breiter als die Seulberger. Und erst die Rodheimer!

Nicht als Dorftrottel auffallen

Das kleine Grüppchen Unerschütterlicher ist in die Jahre gekommen. Sie sind alle an die Siebzig oder älter. An den Jungen ist der Dialekt jahrelang vorbeigegangen. So auch am Sohn von Rita Schächter. „Wenn ich mit ihm geredet habe, hat er immer gesagt, ich versteh dich nicht. Kollesch, hab ich mir gedacht, jetzt wirds annerscht. Hëi wird gschwätzt wie mir hëi schwätze! Und dann hab ich ihm Dialekt beigebracht wie Englisch und Französisch“ , erzählt Rita Schächer.

Doch heute wird in den meisten Häusern kaum noch platt gesprochen. „Viele Menschen arbeiten nicht mehr im Ort. Und die wollen da draußen nicht als Dorftrottel auffallen“, vermutet Jeckel. „Dann heests: Die soin vom Urt.“

Jeckel und seine Mitstreiter dagegen stehen zu der Mundart. Sie ist lautmalerischer und geprägt von vielen Vokalkombinationen, Das ergibt eine eigene Melodie, die das Hochdeutsche nicht kennt. Und das Platt ist direkt, mitunter derb. Das alles will der Schwätzkreis für die Nachwelt erhalten.

Seit etwa zwei Jahren tragen die Forscher ihren urtümlichen Wortschatz zusammen. Begonnen hat es bei der Zusammenstellung einer neuen Abteilung im Heimatmuseum. Dafür suchte Stadtarchivarin Erika Dittrich alte Fotos. Und so bildete sich allmählich eine Gruppe von etwa zehn Frauen und Männern, die sich seither regelmäßig im Heimatmuseum zum Schwätzkreis treffen.

„Zwärsch“ heißt „quer“

Zurzeit arbeiten sie an einem Sellwicher Lexikon. Zehn DIN-A-4-Seiten mit rund 400 Begriffen umfasst es bereits; es reicht von „aal Schnerch“ (abwertende Bezeichnung für eine Frau) bis „zwärsch“ (quer). Dazu haben die Heimatforscher „Sellwicher Sprich“ (Redensarten) gesammelt und eine Auswahl auf immerhin sieben Seiten zusammengetragen, aufgeschrieben von Erika Dittrich, die das Projekt tatkräftig unterstützt.

Das alles in unserer Schrift abzubilden, ist gar nicht so einfach. Für viele Laute fehlen die Zeichen. „Wir haben mehr Nasale als die Franzosen“, sagt Jeckel kokettierend. Deshalb hat das Forscherteam eine eigene Lautschrift entwickelt, mit der die Seulberger Phonetik ansatzweise begreifbar gemacht werden soll.

Irgendwann, so der Wunsch des Kreises, sollen Lexikon und Sprüchesammlung in den Friedrichsdorfer Schriften veröffentlicht werden. Weil dabei aber der Charme des gesprochenen Worts nicht gehört werden kann, ist bereits das nächste Projekt geplant. Die Sellwicher Schwätzer wollen irgendwann eine CD aufnehmen. Doch auch dafür gilt ein ehernes Sellwicher Motto: „Mer hetze uns nëit.

Der Seulberger Schwätzkreis trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat nachmittags im Seulberger Heimatmuseum, Alt Seulberg 44. Ansprechpartner sind Stadtarchivarin Erika Dittrich, Telefon 06172/ 7008, oder Friedrich-Wilhelm Jeckel, Telefon 06172/71947. tob

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