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Mit spitzer Feder hat der Künstler ein liebevoll-bissiges Kleinstadtportrait gezeichnet.

Oberursel

Wie ein Nordlicht Oberursel sieht

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Der in Kiel geborene Cartoonist Henning Rathjen nimmt zum zweiten Mal nach dem Hessentag im Jahr 2011 seine neue Heimat aufs Korn. Er hat den "Orschel-Kalender 2019" auf den Markt gebracht.

Das hessische Idiom kommt ihm bisweilen schon ganz gut über die Lippen, aber ein echter Hesse wird er wohl nie. Dazu ist Henning Rathjen zu sehr Nordlicht. Er ist in Kiel geboren und über Umwege über Baden-Württemberg erst nach „Orschel“ gekommen, wie die Alt-Oberurseler und viele Zugezogene ihre alte respektive neue Heimatstadt vor den Toren Frankfurts nennen.

Immerhin, 14 Jahre schon hat er an den Ufern des Urselbachs gelebt, da kann man schon langsam einen Einbürgerungsantrag stellen. Auf seine Weise tut er das gerade zum zweiten Mal. Mit dem „Orschel-Kalender 2019“ bringt Henning Rathjen nach acht Jahren schöpferischer Pause in diesem Arbeitsfeld wieder eine Sammlung von Cartoons auf den Markt, die ein „Orschel“ zeigen, wie es das Nordlicht bei seinen Streifzügen durch die Stadt erlebt.

Wenn er die Kleinstadt am Taunusrand, die so gerne weltoffen sein will, ein Dorf („auf jeden Fall“) nennt, dann meint der gelernte Schlosser und Industriedesigner das keineswegs despektierlich. Im Gegenteil, die Stadt der kurzen Wege mit ihrem überschaubaren Angebot macht das Leben im Dorf „Orschel“ doch so angenehm für Fußgänger und Radfahrer wie ihn.

Nie sind seine Cartoons böse, eher liebevoll und nachsichtig, wenn es auch im Abgang manchmal steil bergab geht. Kleine Stiche nur, die niemanden verdrießen müssen, auch nicht den Bürgermeister-“Schorsch“, der zum Running Gag werden könnte, wenn es noch eine dritte Auflage des „Orschel-Kalender“ gibt.

Cover-Boy ist Hans-Georg Brum

Hans-Georg Brum, seit 2003 Rathauschef der Brunnenstadt, war der Star im ersten von Rathjen veröffentlichten inoffiziellen Kalender zum Hessentag in Oberursel. Mann des Monats Mai. Das Original mit dem fröhlich lachend fliegenden Bürgermeister in roter Badehose hängt im Arbeitszimmer von Hans-Georg Brum im Rathaus. Unbedingt der Erste wollte er damals sein beim Sprung ins Becken des neuen Schwimmbades, dummerweise war noch kein Wasser drin.

Wir schreiben das Jahr 2011, im Mai wird traditionell das Bad geöffnet, das Großereignis Hessentag steht vor der Tür. Da hätten sie schon gerne geglänzt mit einem neuen Bad. Hat keiner gemerkt, die Zehn-Tage-Mega-Party war auch ohne perfekt.

Cover-Boy ist Hans-Georg Brum auch 2019. Ein bisschen gealtert, aber stolz blickt er „Nach dem Rathausumbau“ auf das Historische Rathaus am Marktplatz. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das Millionengrab Hallenbad ist 2019 schon auf dem Januar-Blatt Thema. Ohne Dach inzwischen. „Das haben wir einfach ganz weggelassen“, sagt der Bauleiter. „Sie müssen nur das Wasser etwas mehr heizen.“

Bei seiner eigenen Sicht auf die Dinge in seiner neuen Heimat blickt Rathjen auf Oberurseler Helikopter-Eltern vor der ehrwürdigen alten Volksschule in der Altstadt, auf die stets neu propagierte Innenstadtverdichtung (25 neue Zwei-Zimmer-Wohnungen mit je 180 Quadratmeter Wohnfläche werden im Mai angeboten), auf die Orscheler Apfelweinnasen, die alljährlich ihren König küren, natürlich aufs gerahmte Lindenbäumchen als Kunstprojekt und andere Knaller, die reichlich Gesprächsstoff bieten, wenn sich die Eingeborenen auf dem Wochenmarkt mit veganer Worscht eindecken.

Mit flotter Hand und schnellen Strichen zeichnet Henning Rathjen seine Cartoons auf Papier, oder auch mal den Besucher, der zum Foto-Shooting im Büro vorbeikommt, wie er seinen Arbeitsplatz wahlweise zu Hause oder bei „design pro mille“ in der Herrenmühle nennt. Die Detailarbeit folgt am Bildschirm, vor allem die Farbgebung. Eine „Liebhaberei“ pflegt der 52-jährige Diplom-Designer mit dem Zeichnen seiner Kalender-Cartoons, im Brotberuf ist er derzeit eher im Bereich Graphic Recording unterwegs. Im Cartoon muss es „Orschel“ sein, hier will er ja eingebürgert werden. Auch wenn ihm das Wasser des Nordens echt und sehr, ganz viel und überhaupt ziemlich fehlt.

Den „Orschel Kalender 2019“ (Unlimited) im Format DIN A3 gibt es bei den Buchhandlungen Bollinger im Camp King (Hohemarkstraße) und Libra am Rathausplatz, bei der Bücherstube Frank Wildhage an der Bären-Kreuzung und im „Lilo Concept Store“ in der Unteren Hainstraße für 23 Euro. Gesichtet wurde er auch schon im Zeitungsladen in der unteren Vorstadt.

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