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Deutscher Michel als Fastnachtsfigur
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Deutscher Michel als Fastnachtsfigur

Hochtaunus

Der deutsche Michel

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Wie ein Turner den Homburger Landgrafen provozierte und in den Kreisrat einzog - Heinrich Michel, ein Saft- und Kraftkerl aus Wehrheim, gilt als Vorbild für den "Deutschen Michel".

Dargestellt wird der Deutsche Michel oft mit einer Zipfelmütze, die seine Spießbürgerlichkeit darstellen soll. In der Real-Encyklopädie von 1846 ist er Synonym für „das ganze schwerleibige deutsche Volk“. Im Revolutionsjahr 1848 war der Deutsche Michel kurzzeitig jedoch ein anderer: Als seine Verkörperung gilt Heinrich Michel, ein Saft- und Kraftkerl mit radikal-politischer Ausrichtung. Sein Betätigungsfeld war das Hochtaunusgebiet.

Heinrich Michel, später weithin berühmt, wird am 20.?Januar 1822 in Wehrheim geboren. Im Verlauf seines Lebens wechselt er dreimal den Wohnort und ist Mitbegründer von drei Turnvereinen. Statt der Zipfelmütze trägt der gelernte Bäcker bei bestimmten Anlässen einen blauen Blouson, roten Gürtel, die rote Feder am Hutband. Und eine Pistole. Er stellt seine Gesinnung deutlich zur Schau: Als Republikaner will er nichts zu tun haben mit Biedermeiertum und kleinstaatlichem Denken. Kein Vergleich also zu dem vom Berliner Satiriker Adolf Glaßbrenner verspotteten „Deutschen Michel“: „Immer langsam voran! Immer langsam voran,/Dass der Michel beim Fortschritt nachkommen kann!“

Im Juni 1847 hebt er mit 23 Gleichgesinnten – „alles Söhne angesehener Bürger“, heißt es in dem Turner-Buch von Bernd-Michael Neese – den Turnverein Anspach aus der Taufe. Von jedem Mitglied wird ein „einwandfreier Lebenswandel“ verlangt. Körperliche Ertüchtigung und politische Bildung gehen Hand in Hand – demokratische Ideale gelten ebenso wie der Ruf nach einem deutschen Reich. Die Wehrabteilung fordert eine umgreifende Volksbewaffnung und wird schließlich vom Usinger Kreisamt verboten.

Begünstigt von Missernte und Hungersnot sowie einem europaweiten Aufbegehren sorgt die Märzrevolution 1848 für einen politischen Umschwung. Kommunalwahlen werden möglich: In Anspach schaffen es Turner in die Gemeindevertretung, der Wehrheimer „Bürgerverein“ erringt den Wahlsieg. Heinrich Michel, mittlerweile in Wehrheim ansässig, zieht als Mitglied in den Kreisbezirksrat. Angriffe bleiben nicht aus: „Jetzt heult, tobt die Partei des Geldsacks, der Reaction.“

Auf dem Feldberg ereignet sich 1849 jene Episode, die den Wehrheimer zum „Deutschen Michel“ adelt. Um gegen das ungeliebte Turnfest vorzugehen, lässt der Landgraf von Homburg seinen Teil des Gipfels sperren und bewaffnete Truppen aufmarschieren. Schnell entschlossen verlegt der Festausschuss die Wettkämpfe auf eine Wiese zwischen Feldberg und Altkönig. Turner Michel, in vollem republikanischem Putz, wird von den Soldaten festgenommen – er hatte sich geweigert, Pistole und rote Feder abzulegen.

Der Gefangennahme entkommt er auf dem Weg nach Homburg durch einen Turnersprung, rettet sich in den Wald. Die spektakuläre Flucht macht Michel landesweit bekannt. Ein ins Jahr 1850 datierter Vorfall, wo es am Grenzstein zu Homburg zu Provokationen gekommen sein soll, ist dagegen eher der Legendenbildung zuzuordnen.

Die deutsche Revolution erweist sich als kurzlebig – Turnvereine und -feste werden umgehend verboten. Erst zehn Jahre später kommt es zu Neugründungen. 1861 formiert Heinrich Michel die Turnerschaft in Wehrheim, wo er auch die Gastwirtschaft „Zum deutschen Michel“ betreibt. Als Mitglied der Fortschrittspartei ist sein Engagement ungebrochen: Wie kein anderer Verein im Nassauer Land feiern die Wehrheimer regelmäßig das 48er-Revolutionsjahr. 65 Mitglieder gehören zum Verein, fast ausschließlich dem Handwerkerstand angehörend.

Später zieht Michel nach Homburg und ist an der Wiederbelebung der dortigen Turngemeinde beteiligt. 1886 wird in Wehrheim das 25-jährige Jubiläum gefeiert – vor versammelter Turnerschaft thematisiert der alte Recke noch einmal das Ereignis seines Lebens: „Der Sprung muss weitergeh’n!“

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