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Dauerpatient ohne Zukunft

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Gekappt: Die uralte Gerichtslinde ist nur noch ein Torso.
Gekappt: Die uralte Gerichtslinde ist nur noch ein Torso. © A. Arnold

Letzter Rettungsversuch am über 400 Jahre alten Naturdenkmal „Lindenbäumchen“

Von Jürgen Streicher

Ob es der letzte Sommer der alten Gerichtslinde war, steht noch nicht fest. Als erstaunlich robust erweist sich so manche Winterlinde auch nach schweren Krankheiten oder Schädigungen durch Umwelteinflüsse. Unter günstigen Verhältnissen kann sie auch 1000 Jahre alt werden. Aber das „Lindenbäumchen“, wie der zumindest über 400 Jahre alte Baum in der Feldgemarkung zwischen Oberursel und Bad Homburg seit Generationen genannt wird, kränkelt so arg wie nie.

Ungeschützt im freien Feld stehend, wurde der einst stattliche Baum wohl von Hunderten Stürmen zerzaust und schon oft von Blitzen getroffen, die markante Spuren im Stamm hinterlassen haben. Aber seine Widerstandskraft war stets stark genug, den Unbilden der Natur zu trotzen. Auch den nach heutigen Maßstäben nicht gerade perfekten baumchirurgischen Maßnahmen in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Als „Dauerpatient“, so der frühere Behördenleiter Tilmann Kluge vor nicht einmal zwei Jahren, gilt das Lindenbäumchen der Unteren Naturschutzbehörde schon lange. Weil der Baum seit 1938 schon als Naturdenkmal ausgewiesen ist und die Landschaft prägt wie kein anderer in diesem Gebiet, hat die Behörde ihn stets im Blick. Und bei der letzten Besichtigung entschieden, dass es ihm - auch aus Sicherheitsgründen - ans Geäst geht.

Kleine Schwester für „Notfall“

Gekappt in etwa sechs Meter Höhe steht er nun wie ein Sinnbild für alles Vergängliche in der Natur am Wegesrand. Der Hauptstamm hohl, mürbe, morsch, zerfetzt. Ein vom Sockel abzweigender weiterer Hauptstamm ebenfalls hohl, die anderen abgesägt. Vom einst prächtigen Baum mit der gewaltig ausladenden Krone ist nur ein gestutztes Gerippe geblieben. Ohne üppiges Blattwerk, das so lange alte Wunden und Narben verdeckt hat. Die wenigen gelb-braun-grünen Blätter sehen krank aus, die kleinere Schwester ein paar Meter weiter macht vor, wie eine Winterlinde Anfang November auch noch aussehen kann.

„Sie sieht sich nicht mehr ähnlich“, sagt Ortslandwirt Jörg Steden über die Linde, an der er fast täglich vorbeikommt. Das was nicht stimmt mit dem Baum, der als Naturdenkmal auch Station der Regionalparkroute sein sollte, sei schon länger offensichtlich, nie aber so extrem wie in diesem Jahr. Steden vermutet, dass es schon vor Jahren angefangen hat, als die Post einen Kabelkanal verlegt hat, wodurch eine Hauptwurzel durchtrennt wurde. Wie sehr Umwelteinflüsse wie Schadstoffemissionen von der nahen A 661 und Grundwasserabsenkungen im Umfeld dem Baum an der verlängerten Freiligrathstraße jenseits der Autobahnbrücke zu schaffen machen, will niemand bewerten.

Für das genaue Alter der Winterlinde gibt es keine Belege. Gerichtssitz der Altvorderen war sie, im untergegangenen Dorf Mittelstedten am noch jungen Dornbach. Kolportiert wird, dass im Jahr 1600 ein Streit in einer gewaltigen Schlägerei eskalierte, weil die Oberurseler angeblich Schafe der Oberstedter entführt hatten. Daher auch die Altersangabe von mindestens 400 Jahren.

Gerade mal 25 Jahre alt, aber auch schon fast zehn Meter hoch ist der Schwesterbaum, den der Taunusklub „für den Notfall“ gepflanzt hat. Falls das Lindenbäumchen irgendeinen Rückschlag nicht überleben sollte.

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