Sich selbst überlassen: das einstige Hotel "Waldfriede" und spätere Taunus-Kinderheim.
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Sich selbst überlassen: das einstige Hotel "Waldfriede" und spätere Taunus-Kinderheim.

Hochtaunus

Den Verfall stoppen

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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Nach 15 Jahren Leerstand werden neue Ideen für das ehemalige Taunus-Kinderheim gesucht. Wer das repräsentative Bauwerk in der Wehrheimer Saalburgsiedlung retten will, muss sich sputen.

Die Natur hat sich das Gelände zurückerobert. Ungehemmt wachsen Baum und Strauch, bedecken Spielplätze und Wege. Auf dem großen Balkon des markanten Gebäudes sprießen Birken in die Höhe, in den Regenrinnen keimen Gräser. Das ehemalige Taunus-Kinderheim in der Wehrheimer Saalburgsiedlung ist dem Verfall preisgegeben. „Betreten der Baustelle verboten“ mahnt ein Schild – doch gebaut wird hier keineswegs. Wer das repräsentative Bauwerk retten will, muss sich sputen.

Die SPD-Fraktion hat sich nun der Sache angenommen und die künftige Nutzung des Anwesens zur Diskussion gestellt. „Es brennt unter den Nägeln“, sagt Gemeindevertreter Edwin Seng. Seit 1998 ist das „ortsbildprägende Gebäude“ verwaist, haben Vandalismus und Brandstiftung ihre Spuren hinterlassen. Im Inneren erinnert kaum noch etwas an jene von der Frankfurter Waisenhausstiftung betriebene Schul- und Wohnstätte. Wegen abnehmender Schülerzahlen wurde die Einrichtung 2001 aufgegeben.

Seit dieser Zeit hat der Hochtaunuskreis auf dem 10 500 Quadratmeter großen Areal das Sagen. Als Erbbaunehmer auf 99 Jahre wollte man hier einen pädagogischen Ort für Lern- und Erziehungshilfe ansiedeln – eine zeitgemäße Ausrichtung der in Wehrheim ansässigen Heinrich-Kielhorn-Schule. Die Pläne zerschlugen sich. Auch ein Sporthallenbau ließ sich in dem Wohngebiet nicht realisieren. Bis heute ist das Gelände als Schulfläche ausgewiesen, bis heute zahlt der Kreis eine Pacht von 40.000 Euro pro Jahr.

„Wir haben Interesse daran, dass Gebäude und Grundstück in Zukunft anders genutzt werden“, sagt Kreissprecher Markus Koob. Eine Auflösung des Pachtvertrages sei angestrebt. „Derzeit werden Gespräche mit der Gemeinde Wehrheim und der Waisenhausstiftung geführt“. Im Wehrheimer Rathaus weiß man um die Dringlichkeit der Angelegenheit. „Das Haus muss einer neuen Nutzung zugeführt werden“, so Bürgermeister Gregor Sommer (CDU).

Einer Idee, der sich die Waisenhausstifung als Eigentümerin von Grund und Boden nicht verschließen will. „Der Hochtaunuskreis“, sagt Direktor Peter Gerdon, „kann sein Erbbaurecht verkaufen.“ Die letzte Entscheidung obliegt der Frankfurter Institution. Gerdon lässt jedoch anklingen, dass neues Leben durchaus erwünscht ist. Zwar sind sich alle Beteiligten einig, doch eine kurzfristige Lösung ist nicht in Sicht. „Es wird nur über privates Engagement laufen können“, sagt Seng. „Der Baustil des Gebäudes passt von seinem Charakter her zu Bahnhof Saalburg und Anwesen Lochmühle“, heißt es in einer SPD-Anfrage. Historisch sind die genannten Bauwerke eng verknüpft.

Auf Führerbefehl

Aus einer schlichten Gastwirtschaft erwächst vor über hundert Jahren das Hotel „Waldfriede“, geleitet von Jakob Zwermann. Vorwiegend jüdische Frankfurter bevölkern die Gänge, Zimmer und Veranden, unternehmen Ausflüge zu Saalburg und Limes. Eine Zeit, in der das aufkommende Bahnwesen für erste Touristenströme sorgte und auch der benachbarten Lochmühle neue Einkommensquellen erschließt. Im Juli 1942 wird die Hotelpension auf Führerbefehl in ein Kindererholungsheim umgewandelt.

Als ein Jahr später das Taunus-Kinderheim seinen Betrieb aufnimmt, ist das Gebiet unerschlossener Randbezirk. Zur Selbstversorgung dienen ein Brunnen sowie Kuh, Schwein und Hühner. Immer wieder werden Teile des Gebäudes instand gesetzt – die erhaltenden Sanierungsmaßnahmen enden in den 1980er Jahren. Edwin Seng plädiert für die Rettung des Erscheinungsbildes. Noch immer steht der Eckturm, ist die Holzverschindelung weitgehend erhalten. Unübersehbar hat der lange Leerstand aber seinen Tribut gefordert.

Kurz vor Weihnachten 2011 haben junge Menschen das verfallende Anwesen besetzt. Sie protestierten gegen die Verschwendung von Wohnraum.

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