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Erzieherinnen protestieren in Bad Homburg.

Kita-Streik

Protestzug durch die City

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Mehr Geld und weniger Lärm - 70 städtische Erzieherinnen streiken in Bad Homburg für bessere Arbeitsbedingungen. Von Olaf Velte

In einigen der städtischen Kindertagesstätten blieb es gestern still. Kein Toben und Kreischen, kein Lachen und Weinen. Die Türen blieben geschlossen - den ganzen Tag. Rund 70 Erzieherinnen und Erzieher hatten sich vor dem Kurhaus versammelt, um einen Protestzug durch die Louisenstraße anzutreten.

In ganz Hessen hatte Verdi mit dem Motto "Soziale Arbeit ist mehr Wert" zu Streiks in Kindergärten, Horten und Krippen aufgerufen. Schwerpunkt der gewerkschaftlichen Forderungen ist, eine betriebliche Gesundheitsförderung im Tarifvertrag festzuschreiben. Die kommunalen Arbeitgeber sollen die jährliche Vorsorge gewährleisten. Die Belastungen am Arbeitsplatz hätten in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, ist aus dem Kreis der Protestierenden zu hören. Besonders ältere Kolleginnen bekämen häufig psychische Probleme, allgemein werde das Konzentrationsvermögen über Gebühr beansprucht. Der täglich hohe Geräuschpegel könne teilweise durch bauliche Veränderungen eingedämmt werden, die wachsenden Anforderungen im Erzieherberuf seien jedoch nur durch bessere Rahmenbedingungen aufzufangen.

Kleinkinder und Integration

In manchen Einrichtungen der Kurstadt werden Babys ab der achten Lebenswoche betreut, einige widmen sich behinderten und kranken Kindern. Die Integration des ausländischen Nachwuchses erfordere eine spezielle Herangehensweise bei der Vermittlung des deutschen Sprachschatzes. Ein anderes Feld sei die Vorbereitung der Älteren auf die Grundschulzeit: Hier werde das Lernen in Arbeitsgruppen eingeübt, auch erste Englischkenntnisse sollten nach dem Willen vieler Eltern vermittelt werden. "Es kommen auch Kinder, die sich nicht einordnen wollen", sagt eine Erzieherin. Für jedes Kind müsse eine Dokumentation zur individuellen Entwicklung angelegt werden, was oft nur in der Freizeit geschehen könne. Derzeit sind in Homburg anderthalb Betreuer-Stellen für 15 Krippen- oder 25 Kindergarten-Kinder verantwortlich.

Ihre anspruchsvolle Arbeit sehen die Streikenden nicht ausreichend gewürdigt. "Wir brauchen mehr Personal, mehr Vorbereitungszeit und einen einheitlichen Lärmstandard", sagt eine der Frauen. Michael Hendrisch-Verseck, Fachbereichssekretär von Verdi, spricht auch von einer "höheren Grundvergütung". Das Bad Homburger Kita-Personal verdiene in Vollzeit durchschnittlich 2200 Euro, in Teilzeit 1800 Euro - jeweils brutto.

Oberbürgermeisterin Ursula Jungherr (CDU) hatte im Vorfeld des Streiks einen Brief an betroffene Eltern gerichtet und angedroht, dass Verdienststeigerungen der Erzieherinnen "durch Einsparungen an anderer Stelle oder durch Gebührenerhöhungen ausgeglichen" werden müssten. "Leidtragende dieses Streiks sind Sie und Ihre Kinder", heißt es an anderer Stelle. Ein Vater von zwei Kiga-Kindern aus Dornholzhausen hat Verständnis für den Protest: "Die Erwartungshaltung der Eltern ist hoch. Immer mehr Erziehungsleistungen werden in die Tagesstätten transferiert." Während die Kinder der bestreikten Kitas in geöffneten Häusern oder von ihren Eltern betreut werden, setzt sich der Protestzug in Bewegung. In der geschäftigen Flaniermeile ertönen Trillerpfeifen und ein Megafon.

Am heutigen Donnerstag sind alle Kinderhäuser in der Kurstadt wieder geöffnet - mit dem dazugehörigen Lachen und Weinen.

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