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Das Quartier eines Obdachlosen im Wohncontainer am Quarzit-Bruch.

Obdachlos im Taunus

Aus den Augen, aus dem Sinn

Erst der Tod eines jungen Mannes rückt die Situation von Obdachlosen ins Zentrum der Politik. Nach langem Zögern stellt sich auch Friedrichsdorfs Bürgermeister der Diskussion. Von Andreas Kraft

Von ANDREAS KRAFT

Horst Burghardt (Grüne) wirkt hilflos. Der Friedrichsdorfer Bürgermeister schiebt die rechte Hand unter die Krawatte, drückt leicht auf seine Brust. Es ist der einzige Moment der Schwäche, den er sich an diesem Abend erlaubt. Sonst blickt er sicher. Und ernst. Vor gut zwei Wochen wurde ein 25-Jähriger in der Obdachlosenunterkunft seiner Stadt getötet. An diesem Montagabend spricht Burghardt zum ersten Mal öffentlich darüber - beim sozialpolitischen Forum der Kirchen, bei dem es vor allem um die Strukturen der Sozialpolitik geht. Burghardts Tenor: Die knappen Finanzen binden ihm als Rathauschef die Hände. Landrat Ulrich Krebs (CDU) ergänzt: Das meiste Geld sei fest gebunden, Spielräume habe die Politik kaum. Dabei gehört der Landkreis zu den Reichsten in der Republik.

Probleme gibt es genug - etwa die Obdachlosigkeit. Seit seinem Amtsantritt 1997 habe sich die Zahl der Obdachlosen verdoppelt, sagt Burghardt. Aktuell sind es 64. Das spiegelt sich auch im städtischen Haushalt wider. Jahr für Jahr steigen die Kosten. Von 2007 auf 2008 um 15.000 Euro. Von 2008 auf 2009 um 25.000 Euro. Im laufenden Jahr wird die Stadt Friedrichsdorf nach den Schätzungen der Kämmerei rund 175.000 Euro für die Wohnungen der Obdachlosen aufbringen.

Stadt übernimmt die Miete

Davon bekommt sie etwas mehr als die Hälfte vom Kreis erstattet, der Hartz-IV-Empfängern die Miete zahlt. Doch manche Obdachlosen, so Burghardt, seien nicht davon zu überzeugen, einen Antrag zu stellen. Dann übernimmt die Stadt die Miete.

Die Stadt nimmt für eins 175 Euro Miete, warm, inklusive Strom. Die Zimmer sind etwa 25 Quadratmeter groß. Das Taunus-Quarzit-Werk, dem die Gebäude gehören, bekommt dafür im Monat 600 Euro Pacht. Sonst stünden sie vermutlich leer. Container und Baracken seien nur als vorübergehende Unterkunft gedacht, sagt Burghardt. "Doch manchen genügt das. Sie sind einfach nicht ansprechbar." Manche leben hier seit sieben Jahren.

Nicht alle geben sich zufrieden. "Ich würde liebend gern hier ausziehen", sagt ein Bewohner der Obdachlosenunterkunft. "Aber ich finde einfach keine Wohnung, die das Amt bezahlen würde." Sein Nachbar pflichtet ihm bei: "Ich habe vor sechs Monaten einen Antrag auf eine Sozialwohnung gestellt", sagt er, "und was habe ich von denen gehört? Nichts." Sie fühlen sich von der Politik allein gelassen. Wie die meisten in der Unterkunft mitten im Wald. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Lösung dringend gesucht

Der Stadt fehlt es an Konzepten. Das weiß auch der Bürgermeister und will das ändern. "Wir sitzen fast jeden Tag zusammen und suchen nach einer Lösung", sagt er. Er hofft, dass er den Stadtverordneten am 6. Mai erste Ideen - vor allem für den Umgang mit gewaltbereiten Jugendlichen - präsentieren kann. Überstürzen will er aber nichts. Schließlich müsse das Konzept auch tragfähig sein.

Erst dann könnte er guten Gewissens auch wieder seine Sozialarbeiterinnen regelmäßig in den Brennpunkt schicken. Das sei bisher nicht zumutbar gewesen, hatte er kurz nach der Tat erklärt - wohl auch wegen der gewaltbereiten jungen Männer.

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