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Betreuungsbedarf steigt rasant

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Von: Miriam Keilbach

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Günther Keune betreut in seiner Freizeit Erwachsene, die nicht mehr alles selbst regeln können.
Günther Keune betreut in seiner Freizeit Erwachsene, die nicht mehr alles selbst regeln können. © Storch

Ein Verein kümmert sich in Bad Homburg um etwa 250 Menschen, die sich aufgrund von Krankheit oder Behinderung nicht mehr selbst versorgen können. Ziel der Betreuer ist es, die Selbstständigkeit der Betreuten so weit es geht zu bewahren

Ein Verein kümmert sich in Bad Homburg um etwa 250 Menschen, die sich aufgrund von Krankheit oder Behinderung nicht mehr selbst versorgen können. Ziel der Betreuer ist es, die Selbstständigkeit der Betreuten so weit es geht zu bewahren

Günther Keune passt auf Menschen auf, die das selbst nicht oder nicht mehr hinkriegen. Er greift ein, wenn es gefährlich wird, mal besorgt er Dienstleister für Essen und Pflege, mal verwaltet er das Geld, und einmal musste er sogar darüber entscheiden, die Maschinen, die einen Menschen am Leben hielten, abzustellen. Günther Keune ist Betreuer und Geschäftsführer im Verein zur Betreuung Volljähriger, der in Bad Homburg sitzt.

Keune ist Rechtspfleger und hatte früher selbst einen Vormund. Der Vater starb, als er vier Jahre alt war, die Mutter, als er 15 war. „Da habe ich gemerkt, dass das vielleicht ein Beruf für mich ist.“ 1988 gründete er den Verein, vier Jahre später wurde die Vormundschaft für Volljährige abgeschafft, seither gibt es Betreuer.

Der Verein betreut Menschen, die nicht oder nicht mehr vollkommen selbstständig leben können, etwa aufgrund einer Behinderung oder einer Krankheit wie Alzheimer. Vier hauptamtliche Mitarbeiter und 80 ausgebildete Ehrenamtliche, die rund 250 Menschen helfen, engagieren sich für den Verein. „Die Betreuten sollen ihre Selbstständigkeit, so weit es geht, bewahren“, so Keune. 18 verschiedene Aufgabenkreise gibt es: vom Postöffnen bis zur Verantwortung in allen Angelegenheiten. „Die Angst der Betroffenen vor dem Kontrollverlust ist oft groß. Dafür werden aber die Betreuer auch stark kontrolliert.“

Es gibt junge und alte Menschen und die schwierigen Fälle. „Wir betreuen einen Mann, der kommt ganz gut zurecht im Alltag“, sagt Keune, „aber manchmal zieht er sich eine Radlerhose an und onaniert in der S-Bahn vor Mädchen“. Der Betreuer habe sich um den Mann zu kümmern. Für die Sicherheit der Allgemeinheit ist er nicht zuständig.

Einmal, erzählt Keune, betreute er eine Frau im künstlichen Koma, „da musste ich einem Luftröhrenschnitt zustimmen“. Geld – für ehrenamtliche Betreuer eine Entschädigung von 323 Euro im Jahr – gibt es erst, wenn das Amtsgericht den Betreuer offiziell bestellt hat. „Das dauert manchmal Monate, deshalb ist es gut, vorher alles geregelt zu haben.“ Im Fall der Frau musste in den drei Monaten die Wohnungsauflösung organisiert und ein Heimplatz gefunden werden. „Drei solcher Fälle im Jahr, und wir sind pleite.“

Nahegehende Schicksale

Um diese Menschen betreuen zu können, braucht der Verein Ehrenamtliche. Er bildet sie aus, 18 Stunden dauert das, „damit die Betreuer die richtigen Entscheidungen treffen“. Wer sich noch nicht zu viel zutraut, kann beispielsweise zunächst einmal mit einem Betreuten spazieren gehen. „Manchmal gehen einem die Schicksale nahe“, sagt Günther Keune, „man kennt die Menschen ja.“

Die Zahl der zu Betreuenden nimmt laut Keune rasant zu. „Wir können nicht mehr jeden Fall annehmen.“ Seit 1992 habe sich die Zahl der erwachsenen Hilfsbedürftigen in Deutschland verdreifacht. Aktuell nehme er eine Angst vor Demenz wahr, so Keune. „Das wird wahrscheinlich unser Thema für 2013.“

Der Verein, der im November 25 Jahre alt wird, hat auch eine beratende Funktion. Es gibt Informationen zur Vorsorgevollmacht, zur Betreuungsverfügung und zur Patientenverfügung. „Erst heute hatte ich einen Mann da, der Kinder und eine neue Partnerin hat. Er wollte regeln, wer im Ernstfall was darf.“ Oft haben Menschen geregelt, wie sie bestattet werden wollen, so Keune, aber die Zeit davor, wenn man vielleicht zum Pflegefall wird, sei unklar. „Wir halten über 40 Vorträge im Jahr etwa bei Seniorengruppen“, so Keune. „Es gibt immer mehr Menschen ohne Angehörige.“

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