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„Bestenfalls ein schlechtes Disneyland“

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So soll es einmal aussehen. Das alte Gebäude wird zumindest rein äußerlich erhalten bleiben.
So soll es einmal aussehen. Das alte Gebäude wird zumindest rein äußerlich erhalten bleiben. © GHP-Architekten Oberursel

Mit Beharrlichkeit und juristischer Hilfe verwirklichen sich in der Taunusstadt Oberursel Gewerkschafter, eine Hotelkette und umtriebige Stadtväter ihren Traum von einem luxuriösen Kongresshotel. Schauplatz ist die einst denkmalgeschützte „Villa Gans“.

Von Jürgen Streicher

Ein Schuss knallt durch die laue Abendluft, danach brandet Beifall auf. Liebe und Tod, Tragisches und Komisches – an diesem Ort ist alles möglich. Ein lauschiges Plätzchen im Wald, warme Abendluft, Vogelgezwitscher, Windrauschen im alten Baumbestand. Die Waldbühne im ehemaligen Gewerkschaftspark an der Königsteiner Straße, idyllisch gelegen vor einem Halbkreis aus Scheinzypressen, bietet die perfekte Atmosphäre für Theaterträume. Nicht nur zum privaten Vergnügen höherer Gesellschaftskreise wie vor knapp 100 Jahren, auch das gemeine Volk soll bald wieder Zugang haben zu dem fast zehn Hektar großen Parkgelände, das die einstige „Villa Gans“ umgibt.

Wie schon einmal zwischen 1994 und 2009, als das Oberurseler „Theater im Park“ dort logierte, ehe das Drama seinen Lauf nahm, das fast zum Trauma wurde. Denn auch Investorenträume wachsen seit Jahren rund um Park und Villa in den Himmel. Und die Träume von Stadtvätern, die sich gerne mit einem neuen noblen Kongress-Hotel auf Vier-Sterne-Niveau schmücken wollen.

Zum Hessentag im sonnigen Frühsommer 2011 sollten die ersten Champagner-Korken auf der Gartenterrasse des neuen Hotels knallen. Es hätte wunderbar ins Konzept gepasst, sich vor den Augen eines Millionen-Publikums und der Polit-Prominenz des Landes als Schul- und Kulturstadt mit einem feinen neuen Sahnehäubchen zu präsentieren. „Vier Sterne Superior“ und im Garten Freiluft-Theater fürs Volk in besonderem Ambiente. Doch als die Hessen-Welt nach Oberursel schaute, lenkte man die Besucherströme lieber am Rand des Stadtwalds vorbei. Park und Villa blieben unbeachtet, Ödnis und Tristesse sollten keine Schatten auf das rauschende Fest werfen. Die Villa nach jahrelangem Leerstand zunehmend dem Verfall preisgegeben, der einst liebevoll gepflegte große Gartenpark ein trauriger Anblick ohne die ursprüngliche Struktur.

Als der Chemiefabrikant Ludwig Wilhelm Gans Anfang des 20. Jahrhunderts hier seine Villa im englischen Landhausstil errichten ließ, waren einige der Kastanienbäume im Esskastanienhain, der das Gelände überzog, schon über 100 Jahre alt. Gans nannte sein luxuriös ausgestattetes Anwesen mit der Waldbühne deswegen „Villa Kestenhöhe“.

Die Geschichte der Villa Gans ist vor allem eine Geschichte mit Lücken und Spekulationen. Nachweisbar ist, dass der jüdische Fabrikantensohn Ludwig Wilhelm Gans, der später zum Protestantismus konvertierte, sie 1909 vom bekannten Architekten Otto Bäppler bauen ließ. Sein Großvater war Mitgründer der Cassella-Werke, der Vater wurde Teilhaber, er selbst gründete ein „Pharmaceutisches Institut“, das vorwiegend Pferde-Serum gegen Wundstarrkrampf herstellte. Zur „Kestenhöhe“ kam Gans über seinen Schwiegervater Karl Keller, der nach mündlichen Überlieferungen auch den Park geplant und gestaltet haben soll. Gans’ Ehefrau Elisabeth Keller wird eine Vorliebe für alles Englische nachgesagt, sie soll die inspirierende Kraft sowohl beim Hausbau als auch beim Entwurf des Gartens gewesen sein.

Seit 1966 ist der komplette Park als „flächenhaftes Naturdenkmal“ ausgewiesen und geschützt, die Villa wird als Kulturdenkmal unter Schutz gestellt. Die Idee des Bewahrens von altem Kulturgut wirkte sich in den vergangenen Jahren als größte Bremse bei der Verwirklichung neuer Träume aus. Als Ende der 90er Jahre die ersten Verkaufsgerüchte umgingen und potenzielle Investoren im Park auftraten, war schnell klar, dass der Handlungsspielraum eng begrenzt war.

Die Spur von Ludwig Wilhelm Gans und seiner Familie verliert sich bereits Ende der 20er Jahre. Gans habe sein Vermögen bei einem Patentstreit verloren und Konkurs anmelden müssen, heißt es. Die Villa fällt an die Deutsche Bank- und Discontgesellschaft, die sie 1934 an die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) verkauft. Bis Kriegsende betreiben die Nationalsozialisten dort eine Schulungsanstalt, die „Reichsschulungsburg Kestenhöhe“. 1945 beherbergt das Haus kurzfristig einen „Country-Club“ höherer amerikanischer Offiziere, bevor es Eigentum des Landes Hessen wird. Nach dem Ende des Hitler-Faschismus überträgt das Land Gebäude und Park dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) als Stätte der Völkerverständigung und des Aufbaus der Demokratie. Ludwig Wilhelm Gans ist 1946, ein Jahr nach der Entlassung aus dem KZ Theresienstadt, in Dänemark gestorben. Er soll sich das Leben genommen haben.

Der DGB eröffnet 1954 in der Villa Gans sein „Haus der Gewerkschaftsjugend“. Der Oberurseler Öffentlichkeit ist es vor allem durch die beliebten Sommerfeste bekannt, die alljährlich dort stattfinden. Ende 2002 wird die Bundesjugendschule geschlossen. Eine anstehende Komplettsanierung war ein paar Jahre zuvor auf etwa 25 Millionen D-Mark taxiert worden. Das DGB-Bildungswerk betreibt das Haus noch bis Ende 2004.

Den Dornröschenschlaf des Ensembles störten seitdem allenfalls die Theaterleute vom „Theater im Park“ jeweils im Sommer. An sechs Wochenenden wurden dann die Lichterketten angeschaltet, die dem Publikum den Weg von den Eingangstoren des verlassenen, zuwuchernden Geländes zur Spielstätte wiesen. „Die Irren von Valencia“ ist das letzte Stück, das 2009 auf der Waldbühne aufgeführt wird. Hinter den Kulissen nimmt das Drama um die Zukunft von Haus und Villa gleichzeitig fast groteske Züge an.

Das Jahr 2006 markiert eine Zäsur und eine Wende in der wechselvollen Geschichte von Haus und Park. Die Baugeschichte rückt in den Vordergrund, weil nun konkrete Pläne auf dem Tisch liegen, die Zerreißproben geradezu provozieren. Mit der IGEMET GmbH, der Treuhandverwaltung der IG Metall mit Sitz in Frankfurt, wird der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bei der Käufersuche gleichsam in den eigenen Reihen fündig. Als Ziel formuliert IGEMET-Geschäftsführer Franz Julius Partes, ein „repräsentatives Kongress-Hotel mit etwa 120 Betten zu errichten“. Begeisterung im Rathaus und bei den politischen Parteien ist die Folge, endlich kann der große Wurf gelingen, den alle so sehnlich erhofft haben. Wenn denn der Denkmalschutz mitspielt. Vorsorglich wird einvernehmlich annonciert, dass die Villa unbedingt in der Urform Bestandteil des Hotel-Projekts sein soll und dass die Parklandschaft weitestgehend erhalten werden müsse. Und Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) lässt sich die spätere „halböffentliche Nutzung“ des Parks zusichern. Das „Theater im Park“ soll wieder eine wichtige Rolle spielen, damit Stadt und Investor gleichermaßen von der Erweckung Dornröschens profitieren können.

Fast zwei Millionen Euro wird allein die Sanierung des Parks verschlingen, wenn er wenigstens einigermaßen seinem historischen Vorbild gleichen soll. „Das Parkpflegewerk wird akribisch abgearbeitet“, verspricht der Bürgermeister, hierüber wacht die obere Denkmalschutzbehörde. Die IGEMET-Verantwortlichen nicken dazu, Jürgen Kerner vom IG Metall-Vorstand nennt es zudem eine „ideale Kombination“, wenn mit der Eröffnung des Hotels auch das Theater in den Park zurückkehrt.

Etwa 300 Bäume aus allen Regionen der Welt machen den Park zu einem Botanischen Garten, der Dendrologen begeistert. Mehr als 60 verschiedene Laubgehölze, darunter die sehr seltene Rosablättrige Buche und die eindrucksvolle, im nordöstlichen Amerika heimische Scharlacheiche, und fast 50 Nadelbaumarten von der westamerikanischen Hemlocktanne bis zum japanischen Hiba-Lebensbaum stehen für die Vielfalt, die die Besonderheit dieses Kleinods ausmacht.

Schon als noch junge Gewerkschafter zu Seminaren in das alte Haus kamen, zeigte sich, wie schnell die Natur sich greift, was Menschenhand gestaltend geschaffen hat, wenn die ordnende Hand fehlt. Eine natürlichere Idylle hatte nach und nach die konstruierte Gartenwelt verändert, während im Haus politisiert wurde. Dort diskutierten kritische junge Menschen mit Jürgen Habermas und Oskar Negt, mit Willy Brandt und Joschka Fischer und feierten abends Feste auf der Gartenterrasse.

Wo einst der Pool war, stehen nun zwei Stockwerke hoch Baucontainer, von denen aus die Großbaustelle organisiert wird. Deren Baukräne prägen seit einem Jahr die Silhouette über dem idyllischen Maasgrund. Der alte Fußball- und Volleyball-Spielplatz für die jungen Gewerkschafter ist zum Parkplatz für zukünftige Hotelgäste und Kongress-Teilnehmer geworden, ein Parkdeck wird neben dem alten Pförtnerhaus gebaut. Fünf Jahre gingen ins Land vom ersten Hoteltraum bis zur Baugenehmigung. Bis Investor und Denkmalschutz 2012 einem Vergleich vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof zustimmten.

Die Winkelzüge von Juristen und Planern waren nahezu ausgereizt. „Fragwürdige Verbindungen“ zwischen Alt und Neu bescheinigte die Oberurseler Oberkonservatorin Gisela Kniffler vom Landesdenkmalamt den Planern Ende 2007, sprach vom Zerstören „historischer Blickachsen“ durch den vorgesehenen Neubau. Keine der vorgelegten 26 Planvarianten fand ihre Zustimmung. Im sogenannten Dissensverfahren musste sich die Landesbehörde schließlich einer Entscheidung des damaligen hessischen Ministers für Wissenschaft und Kunst, Udo Corts (CDU) beugen, der im positiven Bescheid zur Bauvoranfrage den Willen zum Erhalt der historischen Villa in Kombination mit einem Neubau höher als die Bedenken des Denkmalschutzes wertete.

Doch die Angst bleibt im Rathaus, dass aus dem Juwel im Park nichts wird. Die zweite Weisung aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst im Januar 2010 untersagt der Stadt eine Genehmigung des Bauantrages der IGEMET. Denn jetzt geht es um Abriss und Rekonstruktion der Villa. Unterschrieben ist die Weisung vom früheren Oberurseler Bürgermeister Gerd Krämer (CDU). Als Staatssekretär im zuständigen Ministerium muss er bremsen, was sein Nachfolger so gerne als Erfolg seiner zweiten Amtszeit verbuchen würde. Als böser Bube möchte der Ex-Bürgermeister aber nicht dastehen, die Hotelbaupläne sieht er nicht als gescheitert. Klar ist für ihn nur, wer sich diesmal bewegen müsse, denn der Erhalt der Villa sei grundsätzlich möglich. Krämer, der studierte Historiker, will vor allem das Denkmal erhalten, den Antrag auf Abriss und Wiederaufbau lehnt das Ministerium ab, weil es dafür keine fachlichen Argumente gebe. In der Folge klagt die IGEMET beim Verwaltungsgericht Frankfurt gegen die Ablehnung des Bauantrags seitens der Stadt, die Frankfurter Richter aber bestätigen den Wiesbadener Spruch: einen Rechtsanspruch auf Erteilung der Baugenehmigung habe der Investor nicht.

Und wieder herrscht Ruhe im Park, aber die Zeit spielt für die Hotelplaner. Der lange Leerstand hat die Bausubstanz der Villa Gans weiter geschädigt. Im neuen Bauantrag, der Grundlage des Vergleichs ist, verzichtet die IGEMET offiziell auf den strittigen Ab- und Neubau des nun über 100 Jahre alten Hauses, das einige kosmetische Reparaturen hinter sich hat, bei denen sich Konservatoren die Haare sträuben. Krämer ist nicht der einzige, der öffentlich den Verdacht äußert, dass „man den Denkmalschutz aushebeln und den Abriss durchsetzen will“. Das Landesamt für Denkmalpflege beugt sich und veranlasst die „Austragung des Objekts aus der Denkmalliste“, das ursprüngliche Kulturdenkmal sei nicht mehr vorhanden. „Das ist nicht mehr die Villa Gans, das ist ein Neubau und wir bekommen bestenfalls ein schlechtes Disneyland“, sagt Historiker Krämer, inzwischen Privatier. Dem Projekt – „ein Gewinn für Oberursel“ – wünscht er alles Gute.

Bei der Eröffnung im Frühjahr 2016 wird die Villa äußerlich wie versprochen an ihre Urform erinnern, aber nur ein paar bleiverglaste Fenster, einige aufgesetzte Fachwerk-Elemente, ein bisschen Parkett und Teile der historischen Wand- und Deckenvertäfelung stammen vom Original ab. Das Hotel-Projekt war auch eine Chance für den Denkmalschutz. Und das in doppelter Hinsicht, weil es in Oberursel gilt, Haus und Hof zu schützen. Die Villa und den Park, beides Denkmäler von hohem Wert. Dafür sollten die Investoren stehen, sie sollten die Chance nutzen können, Vergangenheit mit Zukunft im Sinne der Stadt und des Kulturerbes zu verbinden. Vom Potemkinschen Dorf sprechen die Kritiker nun, hinter dem äußeren Schein verbergen sich dicke Betonwände. Die Parklandschaft aber soll so hergestellt werden, „wie mit der Denkmalschutzbehörde abgesprochen“, sagt der Investor.

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