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Begegnungen in der Stadt

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Von: Stefan Höhle

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Ein Omnibus, Baujahr 1975, bringt die Besucher an die verschiedenen Orte.
Ein Omnibus, Baujahr 1975, bringt die Besucher an die verschiedenen Orte. © Renate Hoyer

Bei der vierten Kulturnacht Bad Homburg erleben die Besucher 17 Orte, die teils ein besonderes Programm präsentieren. Ein kostenloser Buspendelverkehr ermöglicht eine Erlebnistour der ganz besonderen Art.

"Ich bin so gar kein Technikfreak", sagt Sybil Russ am Samstagabend im Horex-Museum am Bad Homburger Bahnhof. "Hier bin ich wegen der Kulturnacht gelandet." Die 59-Jährige bestaunt die schmucken Motorräder, die bis 1960 unter der Weltmarke Horex in der Kurstadt produziert wurden. Sybil Russ hat sich am Samstag wie viele aufgemacht, die 4. Kulturnacht Bad Homburg zu erleben. "Ich wohne seit 30 Jahren hier", sagt die Bibliothekarin, "und komme an Orte, wo ich nie war." Eine Erfahrung, die in der Kulturnacht an mindestens 17 Schauplätzen in der Stadt möglich war.

Die Citymeile Louisenstraße zeigte sich am Abend so leer wie sonst auch, aber wer seine Schritte in die abzweigenden Gassen und Gänge lenkte, stieß auf Leben. Eine Publikumsachse war die Dorotheenstraße mit dem Landgrafenschloss am Nordende, Richtung Süden freuten sich auf Besucher die evangelische Erlöserkirche, das Museum Sinclair-Haus, die katholische Sankt-Marien-Kirche und weiter geradeaus das Kulturzentrum Englische Kirche und der Speicher im Kulturbahnhof. Alle Türen waren auf in dieser Nacht, fast überall gab es ein besonderes Programm. Fackelführungen durch die landgräflichen Gemäuer und Anlagen wurden im Schloss gleich zu drei Terminen angeboten. Das ermöglichte es den Besuchern, in der nahe gelegenen Erlöserkirche nicht zu versäumen, wie die Harfenistin Bettina Linck und Autor Georg Magirius biblisch inspirierte Liebesgeschichten über eine lebensgefährliche Braut zu Gehör bringen. Das Gotteshaus war voll besetzt, draußen bleiben musste trotzdem keiner, denn die Fluktuation der Besucher war ausreichend groß.

Filmmusik und Popcorn

Umgekehrt das Bild in der benachbarten Marienkirche, deren Bänke spärlicher gefüllt blieben – aber die meisten Nachtgäste harrten lange aus, oft bis zu zwei Stunden. Acht Männer der Friedrichsdorfer Choralscola Sankt Bonifatius hatten sich vor dem Altar aufgebaut und stimmten cool und unbeirrt gregorianische Gesänge an, nur unterbrochen von kurzen Einführungstexten ihres Sprechers. Er nannte es „Klänge äußerster Verlassenheit“, die das Oktett so zurückgenommen wie durchdringend erzeugte. Die Zuschauer im Kurtheater in der Innenstadt wollten das Kölner „Kennen Sie Kino?“-Orchester gar nicht mehr weglassen, denn das konzertante Trio plus Conferencierin gastierte nur zur Kulturnacht in Bad Homburg. Filmmusiken spielte die Kombo, und wer sich ein Tütchen Popcorn verdienen wollte, beantwortete eine der nur selten leichten Fragen ans Publikum. Den instrumental zitierten Kinostreifen zu erkennen, reichte nicht. „Zwei glorreiche Halunken“, okay – aber wie heißt der englische Titel? „The Good, the Bad and the Ugly“, sehr gut, eine Tüte fliegt ins Publikum.

Wildfremde Menschen formierten im Kurtheater Rategruppen, Namen von Schauspielern und Filmfiguren wurden per Zuruf ausgetauscht. „Sag nix, ich komm gleich drauf“, sagte jemand. „John und Olivia!“, rief eine Zuschauerin. Die beiden Namen waren der Volltreffer des Abends, bezeichneten sie doch Mum and Dad in der längst vergangenen TV-Serie „Die Waltons“. Fast errötend fing eine Zuschauerin ihren Popcorngewinn. „Manchmal will man gar nicht glauben, was man alles weiß“, tröstete die Conferencierin. Fortan zeigte keiner Hemmungen, auch „Flipper“ wurde erraten. „So gefällt mir das“, freute sich Clive Assender aus Neu-Anspach, der mit seiner Frau Monika zur Kulturnacht gekommen war. „Musik spitze, Publikum spitze“, sagte der gebürtige Londoner, schnappte seine Gewinne, und zu zweit zog das Paar weiter in den Speicher im Kulturbahnhof. Herby Weindls Swingband wollte dort „hot or sweet“ blasen, geigen, zupfen und singen, einstudiert oder improvisiert, keinen Notenkoffer dabei. Offene Ohren dafür dürften die Besucher der Kulturnacht am Samstag mitgebracht haben, überall in der Stadt setzten die Programme auf Kommunikation statt Konsum.

Und der Buspendelverkehr brachte für lau jeden überall hin, zur Volkshochschule (Irlandschau) und Jugendtreff E-Werk (Varieté), zum Stadtmuseum im Gotischen Haus (Wahlurnenhistorie) oder zur Galerie Artlantis (geiler Rock) am Forellenteich. Auf eigene Faust mussten Besucher nur das Kirdorfer Heimatmuseum und die Heimatstube Ober-Erlenbach finden. Am Kurhaus hatte dann noch die Stadtbibliothek mit einer Chansonsängerin und zwei Slampoeten ein Programm aufgelegt, das von einigen Bad Homburgern als Geheimtipp gehandelt wurde. Als am Ende der Regen kam, durften die meisten Besucher der Kulturnacht zum Abschluss ihrer Erlebnistour einen trockenen Platz gefunden haben. Auch künftig wird die Louisenstraße in der Innenstadt am späten Abend und nachts so aufgeräumt und unbevölkert sein wie stets. Aber wer in einer Bad Homburger Kulturnacht unterwegs war, weiß danach, wo er das Leben findet und wo vielleicht alle anderen sind.

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