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Spielbank-Gründer Francois Blanc steht mit seiner Frau Marie auf der Treppe des unseligen Ortes, den so viele im Ruin verlassen haben.

Geschichte

Zeitreise ins 19. Jahrhundert in Bad Homburg

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In Bad Homburg gibt es im Kurpark eine überraschende Begegnung mit Fjodor Dostojewski.

Frisch ist’s im Kurpark am Sonntagmorgen. Kühl, der Wonnemonat gibt sich reserviert bei knapp sieben Grad. Eine illustre Gesellschaft scheint’s zu sein, die sich da unter den blühenden Kastanien zwischen Orangerie und Musikpavillon trifft. Schicke Damen mit Schirmchen, ein Herr mit Mozartzopf, Zylinder und Melone zieren die Köpfe stattlicher Männer. Einer trägt Uniform (ohne Hut), der Oberbürgermeister im Frack und mit dem klassischen Homburg auf dem Haupt ragt ob seiner Größe wie immer heraus. Macht die Honneurs in der Runde und lädt die Umstehenden ein zur „Zeitreise ins 19. Jahrhundert“. Dreimal in Folge, bis die Lautsprecheranlage aus dem 21. Jahrhundert endlich funktioniert.

Die illustre Gesellschaft unter den blühenden Kastanien entlang der Brunnenallee klatscht gediegen Beifall. Sie alle waren einst Teilabsolventen der angedeuteten Zeitreise, als Bad Homburg ein Treffpunkt der feinen Gesellschaft Europas war. Und es „Usus und gute Tradition war“, so Oberbürgermeister Alexander Hetjes im gewählten Ton, dass der Sommer im Kurpark mit Tanz und Musik, „geselligem Treiben, Golf und Tennis“ eröffnet wurde. Im Hintergrund klackern leise die Golfschläger auf dem Neun-Loch-Grün im Park, weiter oben, unterhalb von der Thai-Sala, ploppen Tennisbälle in der Morgensonne, im Musikpavillon bearbeitet Paul Planz mit Holz und Besen sein Schlagzeug.

Mit dem „Blumenwalzer“ von Tschaikowsky hat das Kurensemble traditionell das erste Konzert der Saison vor arg gelichteten Reihen eröffnet und danach mit Klezmer-Musik gleich Leben in die Open-Air-Kurpark-Welt gebracht. Gar nicht stilecht die älteren Herren auf der Bühne, statt wie üblich im lässigen weißen Sakko dick eingepackt in Winterklamotten. Mike Mihajlovic, seit 1977 Bandleader, ist 81 Jahre alt, Schlagzeuger Paul Planz wird als ältester aktiver Drummer der Welt vorgestellt, 93 ist er inzwischen. Die Herren verstehen ihr Geschäft, die Stadtgesellschaft friert ihnen zu Füßen. Hart im Nehmen manche Dame, die ohne Socken in die Sommerschuhe geschlüpft ist.

Paare, Passanten, Jogger, Fahrradschieber passieren die Szene, ein buntes Volk auf den Spuren der Erinnerung. Ach, der Herr da im grauen Gewand, das könnte der arme Fjodor Dostojewski sein, einer der vielen Russen, die es in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ins mondäne Bad Homburg gezogen hat. Ein paar Schritte weiter hat er seinen „Spieler“ in der „Mutter von Monte Carlo“ ins Verderben geschickt. Spielbank-Gründer Francois Blanc steht mit seiner Frau Marie auf der Treppe des unseligen Ortes, den so viele im Ruin verlassen haben, am Brunnen daneben erzählt Gräfin Sophie von Kisseleff im Sonntagsstaat von ihrem Leben vor 150 Jahren im Dunstkreis des Casinos. Outet sich als spielsüchtig, „Roulette war mein Leben, das Spiel war mein Leben“. „Babuschka hat Dostojewskis „Spieler“ die Gräfin genannt, die Homburger haben ihr eine Straße gewidmet, die durch den Kurpark führt.

Dem Park macht die Kälte wohl nichts aus, Baum und Strauch, Blumen und Beete entfalten eine leuchtende Blütenpracht, dass es auch bei sieben Grad eine Freude ist. Geschichtsbewusste Flaneure können in wunderbarer Umgebung die moderne Kunstform des „Walkacts“ genießen, sich beim launigen Impro-Theater der „Artistokraten“ im Rücken des Kaiser-Denkmals verlustieren und sich von blasierten Kellnern im kunstinstallierten Wassercafé „Schönes Wasser“ elegant bedienen lassen. Herausragend die Tanzperformance der „Steingärtnerin“, die von der Kunst erzählt, ein Leben für die Steine zu führen und den sandigen Garten um sie herum baren Fußes mit Kontemplation zu pflegen. Ein Ort der Ruhe und der Kraft.

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