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EU-Kommissar Günther Oettinger sprach zum Thema "Wachstum, Sicherheit und Solidarität - Was ist uns Europa wert?".
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EU-Kommissar Günther Oettinger sprach zum Thema "Wachstum, Sicherheit und Solidarität - Was ist uns Europa wert?".

Bad Homburg

Wider die Dekadenz

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Beim Neujahrsempfang der Kurstadt warnt EU-Kommissar Günther Oettinger vor einem Abbau europäischer Werte. Mehr als 300 Gäste sind im Wechselbad der Gefühle.

Um kurz nach halb Elf am Samstagmorgen sind sie alle da. Lokalpolitiker, Geschäftsleute, Schul- und Museumsleiter, Heimatforscher, Seelsorger, auch Laternenkönigin und Karnevalsprinzessin. Zum Bad Homburger Neujahrsempfang stellt sich gerne ein, was zur „Stadtgesellschaft“, zur Klientel der kommunalen Würden- und Verantwortungsträger gehört

Es sollte eine Veranstaltung mit Horizontverschiebung werden: Die mehr als 300 Gäste, zunächst noch wohlgeborgen im kurstädtischen Wohfühldasein, fanden sich mit einem Male hineingeworfen in eine „Welt der Unordnung“, in der Nähe einer „instabilen Nachbarschaft“.

Während Stadtverordnetenvorsteher Alfred Etzrodt (CDU) die Stärken Bad Homburgs – „90 Prozent der Bürger leben gerne hier“ – unter den Stichworten „Wirtschaftskraft“, „Neubau-Planungen“ oder „Aufenthaltsqualität“ summierte, verstand sich Gastredner Günther Oettinger als Aufrüttler mit Europa-Fokus und Global-Richtmaß. Kaum war das Loblied auf die „attraktivste Stadt im Rhein-Main-Gebiet“ (laut Einwohnerbefragung fehlt es aber an bezahlbarem Wohnraum, Fahrradfreundlichkeit und Nahverkehrsoptimierung) verklungen, machte der 64-jährige EU-Kommissar in typischer Diktion das große Panoramafenster auf.

Von der seit 1945 in Deutschland etablierten und auf freiheitlichen Idealen basierenden Werteordnung ging es hinüber ins „benachbarte“ Afrika und weiter zu den „Autokraten und Halbdiktatoren“ in Russland, Amerika und China. Stark sei die hiesige Wirtschaft, drohend aber auch die Gefahr.

Oettinger, seine Rede mit eigenen Erlebnissen und Anekdoten würzend, weiß um die „Kleinheit“ Europas im weltweiten „Kampf der Systeme“, benennt zugleich den Vorteil der „Friedens- und Wertegemeinschaft“. Dafür sei mehr als bislang einzutreten – „auf den Marktplatz von Bad Homburg dürfen wir uns nicht beschränken“. Die Warnung vor der „Maximierung unseres eigenen Egoismus’“ folgt auf dem Fuß.

Im Rund der Empfangsgesellschaft brandet Zwischenapplaus auf, als die Rede auf die aktuelle deutsche Debattenkultur kommt. „Da sind wir von der Dekadenz nicht weit entfernt“, ruft ein Mann, der die nächste Flüchtlingswelle ankündigt, das den Erdball erschütternde soziale Ungleichgewicht thematisiert. Nur in gemeinsamer europäischer Anstrengung könne Ärgstes abgewendet, Stabilität „exportiert“ werden. Nationalismus und Populismus seien der falsche Weg, um Europas Zukunft in friedliche und eigenverantwortliche Bahnen zu lenken.

Als der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg dem Auditorium „ein gutes neues Jahr“ wünscht, schlägt die Uhr Zwölf und über dem Limeskamm entlassen steingraue Wolkenmassen erste Schneeflocken. Nach anhaltendem Beifall dürfen die sieben Musiker der von der Gesamtschule am Gluckenstein entsandten Schülerband „Under8teen“ nochmals ihr Können demonstrieren. Mit dem allseits bekannten „Message in a Bottle“ wird die Homburger Gästeschar ins Foyer entlassen. Dort darf der Vormittag bei belegten Schnittchen und gefüllten Weingläsern ausklingen.

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