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Das Bild im Kurpark von 1876 des Homburger Hoffotografen Thomas Heinrich Voigt gilt als eine der weltweit ältesten Tennis-Aufnahmen.

Bad Homburg

Wie der Weiße Sport nach Homburg kam

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Vor 145 Jahren etablieren britische Kurgäste den Tennissport in Bad Homburg. Dieser Tradition ist es mit zu verdanken, dass es im Juni erstmals ein Wimbledon-Vorturnier im Kurpark gibt.

Wenn im Juni das Turnier „Bad Homburg Open“ der Women’s Tennis Association (WTA) auf der derzeit im Bau befindlichen Kurpark-Anlage über die Bühne geht, rahmt ein „Tennis is coming home“ das Spitzensport-Ereignis. In vollmundiger Marketing-Verheißung kommt daher, was immerhin ein historisches Wahrheitskörnchen in sich birgt. „Home“ des Tennisspiels ist von den mittelalterlichen Anfängen her eher der Norden Frankreichs, in späterer, regelmoderner Ausprägung aber die britische Insel. Für die Ausbreitung des sogenannten Weißen Sports innerhalb Kontinentaleuropas hat die Kurstadt vor der Taunushöhe jedoch – und dies sei unbenommen – eine bedeutende Rolle gespielt.

Von „zwei Anfängen und vier Phasen in Homburg“ spricht Klaus-Dieter Metz, der seit Jahren zur kurstädtischen Sporthistorie und deren Kurpark-Anbindung forscht, auch Führungen zum Thema anbietet. Während sich die Einwohner der aufstrebenden Bad- und Casino-Stadt seit alters mit sportlichem Turnen und Schießen begnügen, bringt die internationale Kurgastgesellschaft des späten 19. Jahrhunderts ihre gewohnten Freizeitvergnügungen mit. Schließlich lassen sich die teils mehrwöchigen Aufenthalte nicht alleine mit Sauerwasserkur und Table d’hôte verbringen.

Es sind die Jahre, in denen die Briten den höchsten Ausländeranteil am Kurgeschehen halten – 3150 Personen werden beispielsweise für das Jahr 1876 gezählt. Zunächst finden sie Kurzweil bei den Rasensportarten Kricket und Krocket, bevor dem noch jungfrischen, auf die vornehmen Damen und Herren zugeschnittenen Tennismatch gefrönt wird.

1874 kommt es mit Datum 13. Juli zu einer postalischen Bestellung mit Folgen. Ein „Lord Petersham“ ordert bei der Londoner Firma French & Co. ein „Wingfield-Tennisset“, zu dem Schläger, Bälle, Pfosten und Netze gehören. Der Preis beträgt knapp über 10 Pfund, das Gewünschte wird zum Hotel „Victoria“ nach Homburg abgeschickt. Dort, wo sich heute das Kaufhaus Karstadt befindet und damals der angehende Earl of Harrington residierte, dürfte die Keimzelle des hiesigen Tennis-Weltrufs zu finden sein. Was dazu aus alten Dokumenten herauszudestillieren war, hat der Tennis- und Golf-Historiker Heiner Gillmeister in seinen Standardwerken dargelegt.

Neben der Kiste in den Taunus bringt das Londoner Unternehmen im Juli 1874 ein zweites Set auf den Weg nach Deutschland: Empfängerin ist die in Potsdam wohnende Kronprinzessin Victoria, die älteste Tochter der englischen Königin und Ehefrau von Preußenmonarch Friedrich III. Eine Dame, deren Einfluss auf die deutschen Tennis-Anfänge nicht geringzuschätzen und die in den Folgejahren auch während der Kurpark-Turniere anwesend ist.

In Homburg machen sich Lord Petersham und der ehemalige Kolonialbeamte Herbert Hankey jedenfalls ans Tennis-Werk. Nach Informationen einer britischen Zeitschrift wurde im Garten des „Victoria“-Hotels – der sich bis zur Straße Schöne Aussicht ausdehnt – eine entsprechende Fläche markiert. Dass hier nun der erste Ballwechsel auf deutschem, ja zentraleuropäischem Boden zu bestaunen war, gilt als wahrscheinlich. Augenzeugenberichte haben sich indes nicht durch die Zeiten gerettet.

Nur wenige Schritte sind es bis in den mittleren Kurpark und ins Jahr 1876. Unterm Juni-Himmel stehen drei weiße Zelte auf grünem Wiesengras, Pfosten, Netz und abgestreute Linie formieren sich zu einem Spielareal „wingfield’scher“ Prägung. In Pose aufgestellt die Spieler: Sir Robert Anstruther, zugleich Organisator der Pioniertat, sein Sohn Arthur sowie das Ehepaar Johnstone. Eine schottische Mix-Besetzung, die von elegant gekleideten Zuschauern und Helfern flankiert wird. Auch Homburgs damaliger Kurdirektor Alexander Schultz-Leitershofen gibt sich die Ehre.

Was folgt, wird ein braves Retournieren des luftgefüllten Gummiballes gewesen sein – knöchellange Kleidung und breitkrempige Hüte erlauben keine aufregenden Bewegungsabläufe, von Hechtsprüngen und Sprints ganz zu schweigen.

Festgehalten hat die geschichtsträchtige Szenerie der Homburger Hoffotograf Thomas Heinrich Voigt – laut Gillmeister und Metz „eine der weltweit ältesten Aufnahmen zum Thema“. Heute befindet sich die Kostbarkeit im Stadtarchiv, eine Schenkung von Arthur Anstruther. Seinerzeit hatte der damals Zwölfjährige die Fotografie detailliert beschriftet – und damit der Forschung wichtige Hinweise an die Hand gegeben. „Vorteil Homburg“: das berühmte Wimbledon-Turnier startet erst ein Jahr später, 1877.

Ob tatsächlich das erste, offizielle Rasen-Tennis-Spiel hierzulande festgehalten ist? „Zweifelhaft“, sagt Klaus-Dieter Metz und verweist auf den „Homburger Fremden-Führer für 1876“, in dem die „Veranstaltungen der Curverwaltung“ angekündigt sind. Neben „Illuminationen“, „Toupie Hollandaise“ oder „Skating Rink“ wird hier auch ganz allgemein auf „Lawn Tennis“ verwiesen. Immerhin zeigt sich auf der Fotografie auch ein Wimpel mit den Buchstaben „LTC“, was auf die Existenz eines Lawn Tennis-Clubs verweist. Ein unbekannter „Schriftführer“ berichtet am 19. Juni 1876: „Allen Ernstes haben wir hier, dank des liebenswürdigen Kurdirektors, einen elitären Club und einen reizvollen Tennisplatz. Das Spiel findet morgens von 9.30 bis 11.30 und nachmittags von 15.30 bis 17.30 statt.“ Wer mitmachen wolle, könne sich mit „Tennisschläger und Flanellhosen“ einfinden.

Ein Tennis-Set aus jener Epoche hat sich in Homburgs Mauern bislang nicht gefunden. „Die englischen Gäste haben“, so Historiker Metz, „das gesamte Equipment nach der Kur wieder mitgenommen.“ Überhaupt sei die frühe Tennis-Etablierung im Kurpark auf zwei günstige Voraussetzungen zurückzuführen: „Der Rasen im Park war stets kurz geschnitten, zudem hat die Kurverwaltung die Ausübung des Weißen Sports großzügig toleriert.“

Der fast zaghafte Beginn in den 1870er Jahren mündet schließlich in eine Tennis-Euphorie, die kurze Zeit später internationale Spitzenspieler in den Taunus lockt. Bis zum Ersten Weltkrieg genießt das Homburger Turnier einen Ruf, der sich mit dem Wimbledon-Renommee durchaus messen kann.

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