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Der wohl berühmteste Steinbruch der Welt: Bertram Kobers „Carrara Nr. 01“ von 2005.

Bad Homburg

„Was ist Natur“ im Museum Sinclair-Haus

  • vonJürgen Streicher
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Das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg sucht die Verbindung von Mensch und Natur und die Zerrissenheit dazwischen.

Das Kreiseln im Kopf beginnt mit einem uralten Geruch. Feuchte Erde, ihr Duft ein 500 Millionen Jahre altes chemisches Kommunikationsmittel, das Mikroben zu ihrer Verbreitung nutzen. Bakterien setzen ein Molekül frei, der Duft lockt Springschwänze an, kleine Insekten, die Sporen der Bakterien bei ihren Sprüngen im Boden verteilen. Riechen ist vor allem ein Kommunikationssinn, erfährt der Besucher in einem dunklen Raum von der Geruchsforscherin Sissel Tolaas. Das Kreiseln im Hirn endet vielleicht im Museumshof beim Nachsinnen über den geheimnisvollen Mikrokosmos, der sich auf einer Linde abspielt, wie sie dort steht. Noch frisch im Speicher die absolut irren Bilder, die Urs Wyss über das Leben auf einer Winterlinde zeigt.

Was ist Natur? Gibt es eine Antwort auf diese Frage? „Wir wollen keine Antworten geben“, sagt Kathrin Meyer zum Titel der neuen Ausstellung im Museum Sinclair-Haus. Damit das gleich klar ist. „Wir wollen eher neue Fragen provozieren, zum Zweifeln einladen.“ Klare Antworten gibt es ja nicht, kann es nicht geben in diesem sich ewig wandelnden Wechselspiel im Verhältnis von Mensch und Natur.

Kathrin Meyer will Künste und Wissenschaften zusammenbringen, um ein bisschen mehr Natur und Mensch zu verstehen. Will „Sinne schärfen für die Auseinandersetzung mit Natur und unsere Verantwortung ihr gegenüber.“ Mit der am Sonntag eröffneten Ausstellung „Was ist Natur?“ setzt die neue Direktorin im Sinclair-Haus eine erste Duftmarke. Der Natur „Schönheit feiern, aber Wunden zeigen, Realitäten abgleichen“.

Das Programm

Die Ausstellung im Museum Sinclair-Haus, Löwengasse 15, ist bis zum 24. Januar 2021 zu sehen. Öffnungszeiten sind Di. bis Fr. von 14 bis 19 Uhr, Sa., So. und an Feiertagen von 13 bis 18 Uhr. Mittwochs ist der Eintritt frei. „Was ist Natur?“ wird von einem umfangreichen interdisziplinären Programm begleitet. Führungen, philosophische Streifzüge und eine Vielzahl an digitalen Formaten sind im Angebot. Bereits online steht unter www.museum-sinclair-haus.de eine dreiteilige Podcastreihe, auf Instagram sind seit Anfang September 15 Videos zu sehen. Im Oktober ist der Autor Klaus Modick zu Gast, das Gespräch ist als Videostream online verfügbar. Im November wird ein mehrteiliges Videoprojekt inszeniert, Gespräche mit Wissenschaftlern werden als Videokonferenz live übertragen.

Eine schöne rückwärtsgerichtete Sichtweise, die Vorstellung von Natur als Rückzugs-Sehnsuchtsort, die wir immer noch gerne mit uns herumtragen. Das Träumen von archaischen Landschaften, unberührter Natur, fern vom Alltag, eine andere Welt. Aber die Natur ist niemals „das Andere“, das ohne menschliches Zutun existiert, das ist nur die eine Seite des Spiegels.

Die Vorstellung einer strikten Trennung von Kultur und Natur, dass Tier- und Pflanzenwelt etwas grundsätzlich und wesensmäßig anderes ist als die vom Menschen geschaffene Kultur, ist nicht länger zu halten. Es ist die entscheidende Prämisse der Konzeption. Zum nötigen „Bewusstseinswandel“ gehört für Meyer die Akzeptanz, dass „wir nicht draußen stehen“. Nur so können neue Perspektiven gewonnen werden, Natur und Technik, es ist eine unlösbare Verstrickung. Staunend, lernend, fasziniert durchwandert der Besucher Räume auf zwei Ebenen.

Im Februar ist Kathrin Meyer (40) ins Sinclair-Haus gekommen, zuvor hat die Kulturwissenschaftlerin im Hygiene-Museum Dresden gearbeitet, zuletzt die Ausstellung „Pflanzen und Menschen“ dort kuratiert. Als einen „Wink des Schicksals“, sagt sie, hat die leidenschaftliche Wanderin die Bad Homburger Ausschreibung empfunden. Ein „Herzensthema“ ist für sie die Verknüpfung von Mensch und Natur, mit der Berufung durch die Stiftung Nantesbuch ist sie ihm so nahe gekommen wie nie zuvor. Räume für die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Kunst und Natur zu bieten, ist das Leitbild der Stiftung, im Museum Sinclair-Haus gegenüber dem Landgrafenschloss wird das Thema seit Jahren bespielt.

Noch stärker interdisziplinär und experimentell Künste und Wissenschaften zu verhaken und vernetzen, ist Meyers Anspruch. „Was ist Natur?“ hat sie mit Ina Fuchs kuratiert. Die Ausstellung erkundet die Zusammenhänge von Pflanzen, Tieren, Kultur, Technik, Menschen und Mikroben – in einem Spannungsfeld über 500 Millionen Jahre bis zur Installation „Linderung des Schocks“, die ein mögliches Szenario in einer Wohnung in London im Jahr 2050 darstellt. Beschrieben wird das Leben unter erwarteten extremen Umweltbedingungen. Wo wollen wir hin, und wie können wir den Weg beeinflussen? Nur zwei von vielen Fragen, die „Was ist Natur?“ provozieren wird.

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