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Süße Säfte für das Volk

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Von: Olaf Velte

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Glasballons und Baumann-Glocke erinnern an die Zeit der Ober-Erlenbacher Früchteverwertung.
Glasballons und Baumann-Glocke erinnern an die Zeit der Ober-Erlenbacher Früchteverwertung. © Rolf Oeser

Eine Ausstellung in Bad Homburg erinnert an Josef Baumann und die Früchteverwertung.

Eine Ausstellung in Bad Homburg erinnert an Josef Baumann und die Früchteverwertung.

Bereits die erste Ausgabe der seit 1930 erscheinenden Zeitschrift „Gärungslose Früchteverwertung“ liefert das Motto, unter dem das Leben von Josef Baumann stehen kann. „Die beste Art, den Süßmost ins Volk zu bringen“ ist einer der Beiträge überschrieben. In dem damals noch selbständigen Dörfchen Ober-Erlenbach wurde diese große Aufgabe in Angriff genommen – und zur Vollendung gebracht.

Zwar ist eine Straße in Bad Homburg nach ihm benannt und in der Daimlerstraße findet sich noch eine seiner Produktionsstätten (heute von Fresenius genutzt), doch ist der vor fünfzig Jahren verstorbene Josef Baumann weitgehend in Vergessenheit geraten. Da kommt die von dem Verein Heimatstube Ober-Erlenbach initiierte Ausstellung im alten Rathaus gerade recht, um die Verdienste des 1877 im Schwabenland geborenen „Pioniers der gärungslosen Früchteverwertung“ noch einmal ins öffentliche Bewusstsein zu heben.

Dass haltbare Fruchtsäfte heute zur Grundausstattung täglicher Ernährung gehören, ist einem Mann zu verdanken, der als ausgebildeter Pomologe schon vor dem Ersten Weltkrieg in einer Waschküche das Süßmosten ausprobierte. Unterstützt von dem deutschen Abstinenzler-Verein schuf Baumann die Grundlagen, um Gärung und Alkoholbildung dauerhaft zu verhindern. Sein Weg führte ihn 1927 aus dem Freiburger Raum in den Taunus, wo er seine „Lehr- und Versuchsanstalt für gärungslose Früchteverwertung“ (LUVA) als ein international angesehenes Unternehmen etablierte.

Anderthalb Jahre hat Kuratorin Ursula Endermann – selbst aus einem Obstbauernhaushalt stammend – in Archiven geforscht und Zeitzeugen befragt. Bis heute ist die Früchteverwertung (in Ober-Erlenbach „die Mill“ genannt) vielen Hochtaunus-Bewohnern ein Begriff. Unvergessen die alljährlichen Herbsttage, in denen Berge von Obst angeliefert und verarbeitet wurden. Die Lohnmosterei galt als Standbein des Betriebes.

Im Begleitheft zur Ausstellung beschreibt der ehemalige LUVA-Lehrling Clemens Knobloch, was den stets akkurat gekleideten und allseits beliebten Schwaben angetrieben hat. Sein Wille zu Lehre und Entwicklung muss grenzenlos gewesen sein. In dem heutigen Homburger Stadtteil wurden nicht nur die legendäre „Baumann-Glocke“ (eine Entkeimungs-Apparatur) erfunden oder Sortenforschung betrieben – breiten Raum beanspruchte auch die Wissensvermittlung in Kursen und Lehrgängen. 1957 konnte Josef Baumann die in der Kaiser-Friedrich-Promenade angesiedelte „Zentralschule für Lehrlinge des Süßmostgewerbes“ in Betrieb nehmen.

In wenigen Jahrzehnten – dies wird in der Ober-Erlenbacher Präsentation deutlich – war auf dem 12 700 Quadratmeter großen Grundstück am Erlenbach ein international gefragtes Wirtschaftsunternehmen entstanden. Schüler aus vielen Teilen Europas lernten hier das Süßmoster-Handwerk. Wer im hessischen Kelterwesen etwas gilt, hat die ersten Kenntnisse bei Baumann erworben. Dass Walter Müller – Begründer der gleichnamigen Großkelterei in Ostheim – während seiner LUVA-Zeit die Frau fürs Leben fand, wird ebenso wenig unterschlagen wie das traurige Ende der Saft-Produktion. Nachdem der umtriebige Baumann gestorben war, zerfiel das Imperium peu a peu. Für Packpressen, Waagen, Wasch- und Filteranlagen kam 1988 das Aus. Neun Jahre später begann der Abriss an der Mühlenstraße.

Was der Geschichtskreis damals retten konnte, bereichert heute das Museum. Die neue Ausstellung wird komplettiert von den Gerätschaften, Urkunden und Bildern im Obergeschoss. Da wird für „Erlenbacher Apfel – klar“ geworben, und eine „Flüssige Sonne“ beleuchtet das große Baumannsche Zeitalter.

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