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Richtig entscheiden bei großem Stress

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Von: Jürgen Streicher

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Führungskräfte der Bad Homburger Feuerwehr üben im virtuellen Raum Einsatzszenarien.

Es dauert nur Sekunden, da ist Tobias Klotz schon mittendrin. Es ist dunkel, Blaulicht flackert, die Alarmsirenen sind laut, wenig später riecht es nach Feuer. Irgendwo weint und wimmert eine Frau. Zimmerbrand im ersten Obergeschoss eines mehrgeschossigen Hauses, eine Person steht schreiend auf dem Balkon. Brandoberinspektor Tobias Klotz muss als Einsatzleiter Entscheidungen treffen. Schnelle Entscheidungen, richtige vor allem, Menschenleben sind in Gefahr. Die Zeit ist knapp, der Belastungsstress ist enorm hoch. Wärmepads in der Schutzkleidung heizen die gefühlte Temperatur für den Feuerwehrmann auf 52 Grad an, die Herzfrequenz steigt. Jeder Fehler kann die Situation noch mehr verschärfen.

Das alles passiert in einem schlichten Schulungsraum der Bad Homburger Feuerwache. Und doch stehen Klotz und Hauptbrandmeister Klaus Kaffenberger unter Strom wie bei einem richtigen Einsatz. Eingetaucht in eine virtuelle Welt, die der Realität wesentlich näher kommt als jede Planübung alter Schule. Basis dafür ist ein hochmodernes 3-D-basiertes Einsatzsimulationssystem, das unendliche Katastrophenbilder virtuell einspielen kann.

Einsatz- und Führungskräfte der Feuerwehr erleben in dieser virtuell dargestellten Einsatzumgebung realitätsnahe Notfallszenarien und müssen dabei unter großem, von außen noch angeheiztem Entscheidungsdruck strukturierte Prozesse in Echtzeit steuern. Ein Operator an zwei Computerbildschirmen pflegt die vom Probanden ausgewählten Maßnahmen über ein Lagesimulationsmodell in die virtuelle 3-D-Welt ein, jedes Szenario entwickelt sich dynamisch in Abhängigkeit von der gewählten Einsatztaktik. „Man kann das Ganze auch eskalieren lassen“, so Branddirektor Daniel Guischard. „Das System spielt mit. Wir provozieren das Eintauchen in die virtuelle Welt.“

Der Leiter der Feuerwehr war durch seine Tätigkeit an der Feuerwehr- und Katastrophenschutzschule des Landes Rheinland-Pfalz maßgeblich an der Programmentwicklung virtueller Trainingsplattformen beteiligt. Dabei seien auch Erkenntnisse aus dem Einsatz solcher Systeme im polizeilichen und militärischen Bereich eingeflossen, so Daniel Guischard.

Der niederländische Systemanbieter XRV ist international tätig und auf Trainingsplattformen für Feuerwehren, Rettungsdienste, Polizei und Militär spezialisiert.

Bei der Vorführung der innovativen Schulungsmöglichkeit fungiert der Holländer Emiel Stevens sozusagen als Spielleiter am Computer, er unterstützt die Feuerwehr Bad Homburg im Anfangsstadium. Das System setzt jede Entscheidung des Einsatzleiters im Training um, wird der Befehl „Wasser“ vergessen, verstärkt sich das Feuer beim Zimmerbrand. „Der psychische Belastungsstress kann trainiert werden“, so Guischard. Das soll in 3-D mit VR-Sichtbrillen geübt werden.

Immer wieder ist an diesem Vormittag vom Grenfell Tower in London und dem verheerenden Fassadenbrand mit 71 Toten im vergangenen Jahr die Rede. Um solche neuartigen Brandereignisse, so die Feuerwehrfachsprache, geht es. Um neue Technologien und neue Werkstoffe, die bei Unfällen zu immer komplexeren Anforderungen an die Einsatz- und Führungskräfte führen. Sie sollen in die Aus- und Fortbildung einfließen, dafür ist das Einsatzsimulationssystem angeschafft worden.

Es kann sozusagen alles. „Wir können alle denkbaren ABC-Lagen simulieren und dabei bis ins Detail gehen, Katastrophenfälle durch austretende Gase und Dämpfe virtuell üben, Unfälle im Gleisbett oder auf Autobahnen durchspielen, das Trainingsprogramm ist vielfältig“, beschreibt Branddirektor Guischard das Modell, das bisher einzigartig in Hessen ist.

Die Stadt Bad Homburg hat das Projekt mit 25 000 Euro gefördert und in der Hauptfeuerwache geeignete Schulungsräume eingerichtet. Der Hochtaunuskreis unterstützt das moderne Ausbildungssystem mit 15 000 Euro.

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