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Die Ausstellung ?100 Jahre Frauenwahlrecht? ist noch bis 20. Januar im Historischen Museum Frankfurt zu sehen.

Hochtaunus

Politikerinnen der ersten Stunde

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Vor 100 Jahren zogen erstmals weibliche Stadtverordnete in die kommunalen Parlamente ein. Das neue Jahrbuch des Kreises erinnert an sie.

Sie hießen Jenny Baumstark und Margarete Hager. Nach der Kommunalwahl am 2. März 1919 waren sie die ersten Frauen, die in die Stadtverordnetenversammlungen von Bad Homburg und Oberursel einzogen – kurz nachdem Frauen bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar zum ersten Mal überhaupt die Politik in Deutschland aktiv mitbestimmen durften.

Während Jenny Baumstark in Bad Homburg während der fünf Jahre währenden Wahlperiode eine Einzelkämpferin blieb, erhielt Margarete Hager in Oberursel ab August 1919 Verstärkung durch Friederike Bröll, die als Nachrückerin in das Parlament einzog.

Die drei Frauen stehen im Zentrum der Beiträge, die die Bad Homburger Lokalhistorikerin Gerta Walsh und Oberursels Stadtarchivarin Andrea Bott für das neue Jahrbuch des Hochtaunuskreises verfasst haben. Wobei vor allem der schillernde Lebenslauf von Jenny Baumstark auch jenseits ihrer lokalpolitischen Aktivitäten reichlich interessanten Lesestoff bietet.

Gleich mehrfach änderte die 1869 als Eugenie Loevendahl im ungarischen Nagy-Szöllös Geborene ihren Namen. Um als Schauspielerin zu reüssieren, nannte sie sich Jenny Leefeld. Und tatsächlich gelang ihr eine Karriere, die sie bis auf die damals sehr angesehene Hofbühne des Herzogs von Sachsen-Meiningen führte. Dort lernte sie auch ihren ersten Mann, den Regisseur und Hofschauspieler Franz Nachbaur kennen.

Bei einem Gastspiel in Homburg vor der Höhe erlitt sie eine leichte Lebensmittelvergiftung – aus der Behandlung durch den Badearzt Robert Baumstark entwickelte sich nicht nur ihre zweite Ehe, sondern auch eine neue berufliche Orientierung: Jenny Baumstark zog in den Taunus und kümmerte sich fortan um die Verwaltung des Sanatoriums am Kurpark, das sie am 15. Juni 1911 gemeinsam mit ihrem Mann eröffnet hatte.

Damit war das Paar so erfolgreich, dass es bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs fast die gesamten Schulden von knapp 100 000 Reichsmark für den Aufbau des Sanatorium abbezahlt hatte. Unter dem Namen „Klinik Dr. Baumstark“ existiert die Einrichtung bis heute. Als Reha-Klinik mit den Spezialgebieten Orthopädie und Innere Medizin ist sie Teil der städtischen Kur- und Kongress GmbH.

Was die Aktivitäten von Jenny Baumstark als Stadtverordnete angeht, ist leider nicht allzu viel bekannt. Gönnerhaft urteilte seinerzeit der „Taunusbote“: „Ihr Geschlecht weiß sie jedenfalls respektierlich zu vertreten.“ Die 50-Jährige war auf Listenplatz vier der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in das Bad Homburger Parlament eingezogen. Bei der nächsten Wahl 1924 trat sie dann schon nicht mehr an, der Grund dafür sei leider nicht überliefert, bedauert Gerta Walsh. Allerdings bedeutete das nicht das Ende von Jenny Baumstarks politischen Aktivitäten: 1947 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen der Europa-Union des Obertaunuskreises.

Im benachbarten Oberursel hatten bei der Kommunalwahl 1919 insgesamt zwölf Frauen kandidiert, doch nur Margarete Hager von den Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) schaffte den Sprung in die Stadtverordnetenversammlung auf Anhieb. Wie Archivarin Andrea Bott beschreibt, arbeitete die Hausfrau, von der leider keine Fotografie vorliegt, in der sechsköpfigen Wohlfahrtskommission und in der Gesundheitskommission mit.

Als sie 1924 erneut für das Stadtparlament kandidierte, gelang ihr der Einzug auf Listenplatz acht der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei nicht mehr. Friederike Bröll war da schon gar nicht mehr angetreten. Sie war im August 1919 als Nachrückerin für die DDP in die Stadtverordnetenversammlung gekommen und wurde wie Margarete Hager in die Wohlfahrtskommission gewählt. Darüber hinaus arbeitete sie in der Lebensmittel- und der Kommission für Heimatschutz mit.

Friederike Bröll hatte sich schon zuvor intensiv für die Belange von Frauen eingesetzt – auch auf überregionaler Ebene. So war sie ab 1895 Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins. Den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte sie nicht mehr, sie starb am 12. Januar 1941 in Bad Homburg.

Das neue Jahrbuch des Hochtaunuskreises enthält noch eine ganze Reihe weiterer Porträts engagierter Frauen. Dazu gehören die Unternehmerin Sophie Opel, die als Tochter des Reichs-Post-Bitter-Erfinders Friedrich Scheller in Dornholzhausen aufgewachsen war, und Maria Scholz, die erste Ehrenbürgerin von Bad Homburg.

Auf den insgesamt 268 Seiten finden sich darüber hinaus Beiträge über die Kronberger Malerkolonie, die Lutherische Theologische Hochschule in Oberursel oder den legendären Landrat Ernst Ritter von Marx.

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