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Pausenlos im Einsatz

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Simon Ninck, Chirurgie-Facharzt in der Ambulanz der Hochtaunus-Klinik, wünscht sich bessere Arbeitsbedingungen. "Das ist mir wichtiger als Geld", sagt er.
Simon Ninck, Chirurgie-Facharzt in der Ambulanz der Hochtaunus-Klinik, wünscht sich bessere Arbeitsbedingungen. "Das ist mir wichtiger als Geld", sagt er. © Monika Müller

Wie sieht der Arbeitsalltag für Krankenhausärzte aus? FR-Mitarbeiterin Desirée Brenner hat in der Bad Homburger Hochtaunus-Klinik erlebt, wie anstrengend 24-Stunden-Dienste sind. Viele Mediziner hätten lieber mehr Zeit als mehr Geld.

Von Desirée Brenner

„Er hat gerade die Pflegerin gebissen“, sagt Simon Ninck, Chirurgie-Facharzt in der Ambulanz der Hochtaunus-Klinik in Bad Homburg. Sein Kollege, Assistenzarzt Christian Grofer, wirkt nicht überrascht. Er beugt sich über das Röntgenbild, seine Stirn liegt in Falten. „Das sieht nicht gut aus“, sagt er.

Der 92-jährige Patient, der nach einem Sturz verwirrt ist, hat sich den Oberschenkel und Oberarm gebrochen, eine seltene Kombination. „In diesem Alter ist eine Operation heikel“, sagt Grofer. Die beiden Ärzte beraten, welcher Eingriff der sinnvollere ist: Nagel oder Prothese? Nagel, entscheiden sie. Es ist sieben Uhr abends, bisher hatte Grofer keine Pause in seinem Bereitschaftsdienst, der um 16.30 Uhr beginnt und um 7.15 Uhr endet. Davor hatte er knapp neun Stunden regulären Dienst, Pausen miteinberechnet. Diese 24-Stunden-Dienste verübt Grofer etwa sechs Mal im Monat. Im Tarifvertrag zwischen dem Marburger Bund und der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände steht, dass während einem Bereitschaftsdienst in der Ambulanz nur höchstens 50 Prozent Arbeitsbelastung entstehen darf.

Grofer hatte bisher alle Hände voll zu tun: Behandeln, röntgen, schnell zum Computer, Arztbrief schreiben, weiter zum nächsten Patienten. Die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit der Dokumentation. „Heute ist es ungewöhnlich ruhig“, sagt der 33-Jährige. Normal sei eher, dass zusätzlich fünf bis sechs Patienten auf eine Behandlung warteten.

Nach dem Ärztestreik im August einigten sich die Tarifpartner vor allem auf einen schnelleren Aufstieg in höhere Gehaltsklassen sowie mehr Geld für Nachtarbeit und Bereitschaftsdienste. Statt der bisherigen 22,30 Euro erhält Grofer nun 25 Euro pro Stunde für den Bereitschaftsdienst. Das ist immer noch weniger als der Stundenlohn im regulären Dienst. Dennoch wollen Grofer und Ninck eigentlich nur eines: mehr Zeit. Grofers Frau erwartet ihr erstes Kind und Ninck ist gerade zum zweiten Mal Vater geworden. „Es ist anstrengender als ich dachte“, sagt Ninck. Er übe seinen Beruf gerne aus, aber die Belastung mache ihn manchmal zynisch. „Bessere Arbeitsbedingungen sind mir wichtiger als mehr Geld“, sagt Ninck. Mit knapp 5400 bis 5900 Euro Brutto im Monat sei er eigentlich zufrieden. Er kenne aber auch viele Ärzte, die nur das Geld interessiere: Ninck hat das Ziel, möglichst schnell Oberarzt zu werden, denn „dann werden die Arbeitszeiten familienfreundlicher“.

Die Verwaltung macht den Ärzten zusätzlich Arbeit

Chefarzt Matthias Hansen wird nicht tariflich bezahlt und arbeitet an einem regulären Tag etwa 12 bis 14 Stunden. Fünf bis sechs Stunden seiner Zeit verbringt er mit administrativen Aufgaben. Zum Beispiel mit Entlassungsbriefen, die der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) hat zurückgehen lassen. Der MDK überprüft, ob die Leistungen für die gesetzliche Krankenversicherung zweckmäßig und wirtschaftlich sind. „Dabei geht es oft um die Frage, ob eine stationäre Behandlung nötig war oder nicht“, so Hansen. Wenn ein Arzt etwa einen Patienten aufgrund seines hohen Alters nach einer Operation noch einige Tage auf der Station behalten will, müsse er das später vor dem MDK rechtfertigen. Nicht immer sei das einfach. „Insgesamt wird die Dokumentation eher umfangreicher“, so Hansen. Das bedeute für alle Ärzte eine zusätzliche Belastung auch in den Bereitschaftsdiensten. Die einzige Alternative wäre der Schichtdienst – und den wolle keiner. Drei Ärzte würden sich dann pro Tag abwechseln. „Bei der Übergabe wäre ein Informationsverlust zu befürchten“, so Hansen, und das würde die Qualität der Behandlung verschlechtern.

Für Grofer ist der Schichtdienst ebenfalls eine Horrorvorstellung: „Wer eine Woche Nachtdienst hat, ist sozial desintegriert“, sagt er, „und mein Familienleben würde ich auch verschlafen.“ Inzwischen ist es auf der Station 20.30 Uhr, Grofer hat seine erste Pause, während ein Junge, in dessen Daumen ein Metallsplitter steckt, seine Hand röntgen lässt. Er wirkt rastlos und scheint daran zu denken, wie viele Diagnosen er heute noch verschlüsseln muss. Seine Frau muss er auch noch zurückrufen, vorher hatte er keine Zeit zu reden. „Es wäre schön, wenn Profis das Verschlüsseln übernehmen könnten“, sagt er. Denn dabei gehe es ums Geld, und das habe mit dem Arztberuf eigentlich nichts zu tun. „Je mehr verschlüsselt wird, desto mehr Erlös erzielt das Krankenhaus“, erklärt er.

Manchmal sei das System unlogisch. Würden etwa bei einem Patienten zwei Krankheiten gleichzeitig behandelt, gebe das weniger Geld, als wenn daraus zwei verschiedene Fälle gemacht werden und der Patient in sechs Wochen wieder käme. „Man verbringt als Arzt viel Zeit als Schreibkraft“, sagt er.

Dann geht er ins Behandlungszimmer, Metallsplitter aus einem Daumen ziehen. Die kurze Pause danach wird er nutzen, um den Fall zu dokumentieren.

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