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Mariam bei der Gangschulung mit dem Exoskelett.

Bad Homburg

Neuroneum hilft nach Schlaganfall oder Hirnschädigung

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Die Reha-Einrichtung in Bad Homburg erzielt mit dem Einsatz moderner Technik gute Erfolge, schließt eine Versorgungslücke. Doch die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nur im Einzelfall.

Mariam kann lächeln. Sie kann auch wieder Worte sprechen, mit Hilfe des gesunden Arms den gelähmten so heben, dass die beiden Physiotherapeuten ihr das „robotische Exoskelett“ anschnallen können. Wenige Minuten später erhebt sie sich mit technischer Unterstützung vom Rollstuhl und geht vorsichtig vorwärts. Die 24-Jährige lächelt glücklich, bei ihr sind die beiden Therapeuten. „Toll“, sagt Claudia Müller-Eising und hält den Daumen nach oben. „Du machst hervorragende Fortschritte.“

Wie lange noch? Das Spendergeld geht zu Neige. Ihre Krankenkasse, die AOK-Hessen, will die Therapie nach wie vor nicht bezahlen. Es läuft eine Klage auf Kostenübernahme. Doch bis sie entschieden ist, vergehen erfahrungsgemäß Jahre. Die 24-Jährige braucht aber jetzt diese Förderung. Sonst, befürchtet Müller-Eising, wird es ihr so gehen wie so vielen Menschen nach einem Schlaganfall oder einer Hirnschädigung: Sie erhielten nicht die Rehabilitation, die die moderne Medizintechnik biete und sie wirklich voranbringe.

Mariam ist eine von rund 200 Patienten im Jahr, die das Neuroneum zurück ins Leben holen will. Ihr Pech ist, dass sie Mitglied einer gesetzlichen Krankenkasse ist. Die übernehmen nur im Einzelfall die Kosten – wohingegen die privaten, die Berufsgenossenschaften oder auch die Unfallversicherungen anstandslos zahlten, sagt Geschäftsführerin Müller-Eising. Deshalb steht die zweite internationale Fachtagung des Neuroneums diesmal unter der Überschrift „Robotik in der Neurorehabilitation“.

Lücke in der Versorgung

Die junge Frau zeigt den Teilnehmern in der Mittagspause, was dadurch alles möglich ist. Als 16-Jährige erlitt sie einen Hirnschaden. Konnte weder sprechen noch die Hand öffnen, als ihre Eltern von der Möglichkeit der ambulanten Rehabilitation auf dem Gesundheitscampus in Bad Homburg erfuhren. Auf Basis einer umfangreichen Diagnostik und in enger Abstimmung mit den Betroffenen und Angehörigen bietet das Team auf den jeweiligen Patienten zugeschnittene individuelle Therapien an. Die Grundidee: Es gibt kein Schubladendenken. Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und die anderen Experten in Team arbeiten an einem definierten Ziel, das im Laufe der Zeit auch modifiziert werden kann. Eine Schädigung des Hirns sei eine komplexe Angelegenheit, zweimal die Woche 20 Minuten Physio helfe kaum weiter, sagt Müller-Eising. „Das Aneinanderreihen von Therapien ist keine Rehabilitation.“ Eine Behandlung im Neuroneum sei im übrigen nicht teurer als die üblichen Rehas. Doch wesentlich effektiver: „Wir sind das modernste Zentrum in Deutschland.“

Vor knapp zehn Jahren hat die Volljuristin gemeinsam mit Marco Hentsch in Frankfurt die gemeinnützige GmbH gegründet. Seit fünf Jahren ist sie als Richterin beurlaubt, in Teilzeit lässt sich die Geschäftsführung nicht mehr organisieren. Der Anlass für das ungewöhnliche Engagement war Tochter Hannah, die als 15-Jährige auf dem Schulweg von einem Auto angefahren wurde, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt, monatelang im Koma lag. Zur Reha musste der Teenager an den Bodensee, weit weg von den Eltern und den drei Geschwistern. Die Mutter war nur noch unterwegs. Irgendwann reifte der Entschluss, die Versorgungslücke im Rhein-Main-Gebiet zu füllen und ein postakutes Versorgungsangebot aufzubauen. Mit klassischen Therapien und robotischen Systemen, wie das Exoskelett, das Mariam dabei hilft, zu entkrampfen, das Gehen zu trainieren – wieder in ihren Körper zurückzufinden.

Schritt für Schritt geht die junge Frau über den Parkplatz des Gesundheitscampus. Der Roboter stabilisiert ihren Körper, die an den Hüft- und Kniegelenken angebrachten Motoren ersetzen die fehlenden neuromuskulären Funktionen. Zwei Stunden zuvor hat Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) bei der Tagung gesprochen, für die Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) die Schirmherrschaft übernommen hat. Klose versucht, Optimismus zu verbreiten: „Ich hoffe und bin guten Mutes, dass das Neuroneum und die gesetzlichen Krankenversicherungen eine gute und rechtlich für alle tragbare Regelung für diese besondere Form der Rehabilitation zugunsten der Patientinnen und Patienten finden werden.“ Wann es so weit sein könnte, sagt er nicht. Für Mariam könnte es zu spät sein. Sie braucht die Zusage zur Kostenübernahme jetzt.

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