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Nachhilfe von den Piraten

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Von: Stefan Höhle

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Auch in Frankfurt ging es erst vor wenigen Tagen bei enier Kryptoparty darum, wie man sich im Netz sicherer bewegt.
Auch in Frankfurt ging es erst vor wenigen Tagen bei enier Kryptoparty darum, wie man sich im Netz sicherer bewegt. © Michael Schick

Die Piratenpartei informiert bei einer Crypto-Party in Bad Homburg über Datensicherheit im Netz. Lernziel der Teilnehmer: Anonym surfen und verschlüsselte Mails verschicken.

Als freie Konferenzdolmetscherin nimmt Renate Pfeuffer oft Aufträge aus dem Ausland an. „Ich muss also verhindern, dass jemand falsche Schlüsse aus meiner Internetaktivität zieht“, sagt die Usingerin. „Sonst bin ich für eine Firma, vielleicht eine US-amerikanische, ein Sicherheitsrisiko und bekomme keine Akkreditierung.“ Pfeuffer kam auf Einladung der Hochtaunus-Piraten am Samstag zur Crypto-Party in den Alten Schlachthof. Lernziel: anonym surfen und verschlüsselt mailen. „Irgendwelche Dienste können zu abstrusen Ergebnissen kommen, wenn sie von mir besuchte Webseiten kombinieren“, kritisiert die 56-jährige. „Rasterfahndung gibt es bereits.“

Rund 20 Interessierte kamen mit Laptops und Smartphones in den Schlachthof, denn die Piraten hatten angeboten, nicht nur über Verschlüsselungsprogramme zu informieren, sondern auch gleich beim Installieren zu assistieren. „Wir können unsere PCs vor Ausforschung schützen“, sagt Softwareentwickler Jan Hendrik Krüger, Referent in Bad Homburg. „Nicht perfekt, aber fast.“

Dass ausländische und womöglich auch deutsche Geheimdienste selbst Inhalte privater Mails abgreifen können – und dabei von Netzanbietern wohl unterstützt werden – haben die Enthüllungen von Edward Snowden ans Licht gebracht. Auf der Bad Homburger Crypto-Party hätte der US-Amerikaner Rückhalt gefunden. „Ich bin jetzt überzeugt, dass unsere Regierung das Grundgesetz bricht“, sagt im Schlachthof eine 42-jährige Unternehmensberaterin. „Die Kanzlerin will von nix wissen. Also werde ich aktiv und schütze mich und meine Kunden.“

„Tor“ wechselt das Netz

Überdies vermutet die 42-Jährige nicht nur einen politischen, sondern auch einen wirtschaftlichen Hintergrund der Spähaktionen. „Niemand bewahrt uns davor, dass die Dienste ihre Daten weitergeben, zum Beispiel an Versicherungsunternehmen.“ Mit Unterstützung von Experte Krüger hat sich die Homburgerin gerade „Tor“ auf ihren Laptop geladen, das kostenlose Programm wechselt im Netz ständig die Internetknotenpunkte und stoppt so jede Rückverfolgung zum tatsächlichen Nutzer. „Schützt hundertprozentig“, versichert Krüger. „Momentan.“

Vier gängige Anonymisierungsprogramme sind derzeit auf dem Markt, „Tor“ (The Onion Router) gilt als das universellste. Die Zwiebel (engl.: onion) steht für die Häutungen im Internet. „Früher verlangsamte so eine Software das Surfen erheblich“, erklärt Krüger. „Das ist vorbei.“ Der Referent liefert im Anschluss auch konkrete Empfehlungen fürs Verschlüsseln von Mail-Inhalten. „Die Kontaktdaten, also wer an wen eine Nachricht sendet, können Sie kaum unterdrücken“, sagt Krüger, „aber den Text der Mail vor Zugriffen schützen.“

Sender und Empfänger tauschen dafür Decodierungen aus. „Die Weitergabe solcher Schlüsseldaten ist heikel“, sagt Krüger. „Per Mail soll es ja nicht geschehen.“ Auch hierzulande sind „Key Signing Partys“ daher keine Seltenheit mehr. Der Schlüssel (key) wird persönlich überreicht. Nach Installation ihrer neuen Mail-Programme könnten sich die Crypto-Party-Besucher also bald wiedersehen.

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