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Mauerreste eines Wohnhauses aus dem 14. Jahrhundert sind freigelegt.
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Mauerreste eines Wohnhauses aus dem 14. Jahrhundert sind freigelegt.

Bad Homburg

Mittelalter unterm Pfarrgarten

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Archäologen stoßen in Schlossnähe auf Relikte früherer Wohnhäuser, die auf das 14. und 15. Jahrhundert zurückgehen. Die Stadt stellt 30.000 Euro für die weitere Ausgrabung bereit.

Es ist ein Glück, dass hier niemand bauen wollte. Der Pfarrer ergötzte sich an seinem Garten, Dachdecker Sattler nutzte die 300 Quadratmeter lieber als Lagerplatz. Glück für die seit dem vergangenen November tätigen Archäologen, die auf dem Grundstück an der Orangeriegasse auf Häuser aus dem 14. und 15. Jahrhundert gestoßen sind. Damit die Untersuchungen fortgesetzt werden können, stellt die Stadt 30?000 Euro zur Verfügung.

Weil ein Investor auf dem schlossnahen Areal ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage errichten will, kam die hessische Landesarchäologie mit einer bauvorbereitenden Ausgrabung zum Einsatz. Schon der erste Stich ins Erdreich war erfolgreich und ließ auf eine Fundstelle von Interesse schließen. In unmittelbarer Nähe war vor wenigen Jahren schon einmal gegraben worden – die Experten stießen jedoch nur auf eine tiefe Müllgrube jüngeren Datums. Über die Strukturen der mittelalterlichen Stadt ist wenig bekannt. Der im späten 17. Jahrhundert eingeleitete Bau des Barockschlosses hat hier viele Zeugnisse früherer Wohnbezirke zerstört und überdeckt.

Während Grabungsleiterin Tanja Armbruster die bisherigen Ergebnisse vorstellt, bietet die im vollen Sonnenlicht liegende Stätte ein beeindruckendes Bild. In 1,60 Meter Tiefe erheben sich Mauerreste aus dem Boden, mehrere Gräben schneiden durch die Erdschichten. Drei Männer arbeiten mit Kelle und Eimer in verschiedenen Ecken, tragen das Material mit Sorgfalt ab. Jede Fundstelle ist markiert. „Die Abraumsituation ist hier besonders schlecht“, sagt Armbruster. Wegen der beengten Lage können Kleinbagger oder Lkws nicht anfahren – Schubkarren und Schaufel sind gefragt.

Freigelegt sind die Reste von drei Häusern. Vor dem Hintergrund der dicht bebauten Homburger Altstadt sprechen die Archäologen von einem spektakulären Fund: „Das alles ist hervorragend erhalten.“ Ermöglicht werde dadurch eine genaue Untersuchung und spätere Rekonstruktion des Wohnbezirks. Besonders aufschlussreich sind die steinernen Fundamente eines 16 Quadratmeter großen Kellers, die auch Kellertreppe und Mauernische aufweisen. „Wahrscheinlich war der Keller dem ehemaligen Kirchplatz zugewandt und für die Lagerung von Handelswaren und Vorräten bestimmt.“ Das zugehörige Fachwerkhaus wird in das 15. Jahrhundert datiert.

Scherben von „stark beanspruchten“ Fußbodenfliesen haben sich ebenso erhalten wie grün glasierte Ofenkacheln, die als Zeichen von Wohlstand zu deuten sind. „Die Halbzylinderkacheln sind typisch gotisch und wurden wohl in Dieburg hergestellt“, so Tanja Armbruster. Sie vermutet, dass der Wohnraum des Fachwerkgebäudes beheizt und in kräftigen Farben gestaltet war.

Dass die geborgenen Stücke über ihre bloße Verwendung hinausweisen, ist ein willkommener Nebeneffekt. „Die Gegenstände sprechen zu uns.“ So weist beispielsweise das eingearbeitete Mainzer Rad auf den Einfluss des Erzbistums Mainz hin. Aus anderen Scherben lässt sich eine Caritas-Darstellung zusammensetzen. Ob die Häuser einen direkten Bezug zu Kirche und Pfarrhaus hatten, wird noch zu klären sein. In alten Zeiten soll sich nahebei das „Pfarrpfädchen“ befunden haben.

Die ausgebreiteten Gegenstände sind Zeugnisse aus drei Jahrhunderten: Reste von Küchengeschirr, verzierte Ziegel, Fensterglas, ein Messergriff aus Horn. Auch korrodierte Nägel und Kloben, ein Sensenblatt aus dem späten Mittelalter. Knochen sind nur wenige erhalten: „In dem Lössboden bleibt davon nicht viel übrig.“ Wahrscheinlich wurden die alten Keller irgendwann verfüllt und vergessen. Durch die spätere Nutzung als Gartenland blieben sie der Nachwelt erhalten.

Im Laufe der Jahrhunderte, so die Fachleute, sei die Ausrichtung der Parzellen mehrfach verändert worden. Oberbürgermeister Michael Korwisi (Grüne) hofft auf weitere Erkenntnisse über den mittelalterlichen Grundriss der Altstadt: „Durch die Grabungen wurde hier ein neues Zeitfenster aufgestoßen.“ Mit den 30?000 Euro werde man die Fortführung der Arbeit absichern.

Vier Wochen hat Tanja Armbruster noch Zeit, um den ältesten Spuren auf den Grund zu gehen. Kein Stein-Unterbau markiert die Stelle, wo ein Schwellbalken-Haus stand – die Archäologin liest alles aus den kontrastreichen Bodenschichtungen. Nur Holzschatten hätten überdauert. Die unscheinbare Eckfläche ist ihr ans Herz gewachsen: „Frisch abgezogen sind die Farben sehr intensiv.“

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