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Die Besucher schlängelten sich über die Louisenstraße.

Weinfest

Massengewimmel in der Louisenstraße

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Eine Veranstaltung in Bad Homburg mit promovierter Königin, viel Musik und illustrierten Menschen.

Im Wein liegt die Wahrheit. Sie wissen es natürlich, Alkaios von Lesbos soll diesen berühmten Satz mit drei knappen Worten geprägt haben, der des Weintrinkers Lust am Trunke stets positiv bestärkt. Im Wein steckt sogar ein bisschen Shakespeare, wenn sein Urstoff auf den sonnigen Lagen des Weinguts Hamm in Oestrich-Winkel im Rheingau gewachsen ist. Im „Hammlet“, einem feinherben Blanc de Noir aus dem 2017er Jahrgang. „Wein oder nicht sein“, das ist hier die Frage, so steht’s auf dem Etikett mit dem Bio-Siegel. Ein klares deutliches „ja“ ist die Antwort allenthalben, am Stand der „Italiener“ lautet schon am ersten Abend der dreitägigen Sause die „Wettervorhersage für Bad Homburg: 99% Wein“.

Die Menschen in der Stadt und der Region haben den Ruf vernommen, die Kühlschränke der Winzer zwischen Rheingau und Thüringen, der Nahe und dem österreichischen Neusiedlersee müssen schon bald aufgefüllt werden. Weil nach ein paar „Piffchen“ (0,1 Liter) und „Schoppen“ (0,2 Liter) schon bald die ersten Flaschen über den Tresen gehen.

Viel Durst bei bestem Trinkwetter. Und wie gesagt, im Wein soll ja die Wahrheit liegen. Die Germanen haben laut Tacitus bei Ratssitzungen stets Wein getrunken, weil sie glaubten, niemand könne effektiv lügen, wenn er betrunken ist. Wer will das schon immer ganz genau wissen, vielleicht gut, dass die Beschallung des Weinfestes auf der Einkaufsmeile mit ihren Plätzen hier und da dazu beiträgt, die eine oder andere Wahrheit verschluckt.

Eine Bad Homburger Wahrheit enthüllt der Oberbürgermeister dem Eröffnungspublikum. Dort, wo sich vor dem Kurhaus Weinköniginnen und Weinprinzessinnen im halben Dutzend und mehr dem Volke mit Krönchenglanz präsentieren, soll einst Wein angebaut worden sein. Ja, Weintradition neben Champagnerluft und Spielbank, in Straßennamen wie dem Weinbergsweg werden solcherlei Wahrheiten für die Nachwelt bewahrt. Das hat nicht mal Weinkönigin Carolin von der Hessischen Bergstraße gewusst, die gerade in Politikwissenschaft und Theologie promoviert. Es folgt der Werbeblock für die Weinregionen, die von den jungen Damen repräsentiert werden.

Oft gehörter Satz am Wochenende: „Einen Wein bitte!“

Mit jeder Menge Wahrheiten könnte Michael Schömann aus dem Nachbarort Friedrichsdorf demnächst konfrontiert werden. Er war der Glückliche, der mit den Grazien für ein Team-Foto posieren durfte, nachdem man ihn in Wein aufgewogen hatte. Rund 99 Kilogramm Lebendgewicht kommen einem in solcher Lage gerade recht. Eine gute Tradition beim Homburger Weinfest, jeden Abend wird das Ritual wiederholt. Die Winzer stiften den Stoff, der der Wahrheit auf die Sprünge helfen soll.

Die Hitze des Tages und die laue Abendluft bringen anderes an den Tag. Enthüllte Bekenntnisse zur Familie, Lebensziele und geliebte Namen, Götter und Narren, scheinbare Blicke unter die Haut auf Muskeln und Sehnen, Kampfhundeporträts mit Krönchen auf zartem Damenoberarm, alles fein mit Nadeln gestochen und reichlich vertintet. Der Weinfestbesucher 4.0 zeigt sich gern offensiv als illustrierter Mensch.

Im Experimentierfeld „Weinfest-Lounge“ in der unteren Louisenstraße mit Cocktail-Bar und Gin-Garden trifft sich die Jugend zwischen 16 und 73 Jahren. Für sie soll das Weinfest auch eine Perspektive bieten, der OB ist anfangs ein bisschen bange und „gespannt, ob das funktioniert“. Aber gemach, hier muss niemand „abgeholt“ oder „mitgenommen“ werden wie in der Politik, die kommen alle ganz alleine. Auch wenn die Liegestühle eines Bio-Brause-Herstellers ein bisschen lieblos und ohne Sand unter den Holzfüßen auf dem Pflaster im offenen Raum platziert sind und die Lounge-Musik für den einen zu laut und den anderen zu leise im Dauerton wummert.

Lauter ist es geworden, das Weinfest, unpräziser, viel Rummel im Massengewimmel ohne stille Ecken. Die Veranstalter werden vollen Erfolg melden.

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