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In der Fußgängerzone Bad Homburgs ist es ziemlich ruhig. Rolf Oeser

Bad Homburg/ Oberursel

Leere Fußgängerzonen in Bad Homburg und Oberursel

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Busfahrer auf Alleinfahrt, einsame Kirchgänger, nur wenige Menschen sind am Wochenende unterwegs, lediglich im Baumarkt ist es voll.

Gespenstische Stille? Nein, gar nicht. Eine wunderbare Ruhe liegt über der Stadt. Erst am Abend werden Bewohner Musik in den Fenstern und auf Balkonen machen. Vielleicht sogar singen, „Freude schöner Götterfunken“, die Ode an die Freude, die derzeit so weit weg scheint. Ein Flashmob unter abgewandelten Bedingungen, vom Hessischen Musikverband initiiert. Getrennt, aber zusammen.

Kaum Menschen unterwegs am Morgen, ein paar Hundegänger, man kann hören, wie „Herr Holle“ im dritten Stock am offenen Fenster die Bettdecke ausschüttelt. Mundschutz ist am Mittag um fünf vor zwölf in der Kurstadt noch immer nicht in Mode. Stattdessen Optimismus. „Hoffentlich ist das in einem Monat vorbei“, sagt die Frau auf der Leiter mit dem Putzlappen in der Hand. Mit einem fröhlichen Lachen verabschiedet sie sich wenig später nach kurzem Gespräch in italienischer Sprache von der zufällig vorbeikommenden Bekannten. Harte Zeiten, die Frau aus dem Eiscafé De Pellegrin in der oberen Louisenstraße will vorbereitet sein auf die hoffentlich bald beginnende neue Zeit. An so einem sonnigen Sonntag im Frühling sind mittags sonst schon fast alle Tische draußen besetzt, heute bleibt Zeit zum Fensterputz, zum Saubermachen und für ein Mut machendes Gespräch am Wegesrand.

Bleiben Sie gesund und passen Sie auf sich und Ihre Mitmenschen auf. Es ist zum geflügelten und fliegenden Wort geworden. Man hört es in vielen Sprachen. Es steht fast an jeder verschlossenen Geschäftstüre, zusammen mit dem Verweis auf den möglichen Online-Handel. Alle machen das, Schmuck- und Kaffeehändler, Kleidergeschäfte, eine Buchhandlung hat ein hübsches Literaturpaket für die Zeit zu Hause geschnürt.

Abstand ist das Gebot des Moments, am Sonntagmorgen im frischkalten Wind bei nur wenigen Plusgraden scheint es endlich angekommen zu sein. Die vereinzelten Passanten umschiffen sich meist weiträumig, zwei ältere Herren philosophieren am Waisenhausplatz in der Morgensonne sitzend auf ordentliche Distanz. So stehen sie auch vor dem Bäckerladen in der Oberurseler Fußgängerzone. Quer über die Straße, das Backwerk vom Ende der Schlange kaum mehr zu riechen. Mehr gibt’s nicht zum Sonntag, die Märkte sind geschlossen trotz gelockerter Vorschriften bei den Öffnungszeiten. Im Alt-Oberurseler Brauhaus wird Bier „To go“ von 17 bis 18.30 Uhr angeboten, das muss reichen. Brot und Bier. Auch Bad Homburgs Fußgängermeile ist im Ausnahmezustand, kein Markt will sein Personal mit Sonntagsarbeit überfordern. Stattdessen gute Wünsche im Fenster allenthalben und Verweise auf die neuen Benimmregeln, die sich auch in anderen Zeiten gut machen würden in dieser stets eiligen und drängenden Gesellschaft.

Das Glockengeläut von den Türmen der Erlöserkirche neben dem Schlosspark klingt hinunter auf leere Zuwegungen. Keine Gottesdienste, aber Sankt Marien ein paar Meter weiter hat geöffnet für stille Beter. Ein alter Mann sitzt in der letzten Reihe, murmelt sein Gebet, keiner hört mit. Draußen, in Sichtweite der großen Ortskirchen, fahren leere Busse vorbei. In Oberursel kommt einem entlang der U-Bahn quer durch die Stadt der Begriff Geisterbahn in den Sinn. Eine Handvoll Passagiere, mehr sind nicht drin in den Zügen. Nur im Baumarkt, da war es am Samstagabend bis zuletzt rappelvoll, auch hier fast alle ohne Mundschutz. Am Sonntag ist geschlossen, nur der Gartenmarkt nebenan bietet bei kleinem Publikum Steckzwiebeln und Frühlingsblumen.

Am Sonntag steigt die Zahl der Menschen draußen erst am frühen Nachmittag, nahezu exponentiell mit dem Steigen der Sonne und der milderen Temperaturen. Volles Haus auf den Feldwegen zwischen Brunnen- und Kurstadt und in den Parkanlagen, aber die Menschen um Abstand bemüht. Mit Freude schöner Götterfunken soll doch der Tag am offenen Fenster enden.

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