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Der Junge mit dem Baseballschläger

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Von: Stefan Behr

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Justizia.
Justizia. © Andreas Arnold

Vor dem Frankfurter Landgericht beginnt der Prozess um den grausamen Tod einer 51 Jahre alten Bad Homburgerin. Ein 27-Jähriger erschlug sie im Dezember 2012 mit einem Baseballschläger. Möglicherweise ist er wegen einer psychischen Störung vermindert schuldfähig.

Es ist eine grausame Tat: Am 27. Dezember 2012 begibt sich der 27 Jahre alte Kenneth N. zum Mehrfamilienhaus in Bad Homburg, in dem seine Mutter wohnt. Die ist nicht da, eine Nachbarin, die er zufällig vor der Tür trifft, lässt ihn ein. Kenneth N. klingelt an der Tür einer anderen Nachbarin. Sie öffnet nicht. Kenneth G. tritt die Tür ein. Dann schlägt er die 51-Jährige mit einem mitgebrachten Baseballschläger tot.

Nachbarn hören den Lärm. Herr R. betritt die Wohnung der 51-Jährigen, fordert den Täter auf, von seinem Opfer abzulassen – was dieser nur kurz tut. Ein anderer Nachbar, Herr G., ruft die Polizei. Doch die beiden Männer sowie eine weitere Nachbarin können nichts tun, der Täter ist jung und stark und wild, sie sind es nicht. Sie verschließen die Haustür, um eine Flucht zu verhindern. Mehr liegt nicht in ihrer Macht. Bis die Helfer da sind, ist es für das Opfer zu spät. Die Frau stirbt Silvester im Krankenhaus. Mindestens 24 Mal, ermitteln Mediziner, habe der junge Mann auf die Frau eingeschlagen. Als die Polizei eintrifft, kann er sich an nichts mehr erinnern.

Wollmütze übers Gesicht gezogen

Es ist ein bizarrer Auftritt vor dem Landgericht. Kenneth N. erscheint mit einer schwarzen Wollmütze, die er sich übers Gesicht gezogen hat, dazu ein beiger Anorak samt Kapuze. Über die gefesselten Hände hat er einen Wollsack gezogen. Als die Fotografen den Gerichtssaal verlassen, enthüllt er sich. Unter der Maske steckt ein nervöser junger Mann mit kurzgeschorenem Haar. Seine eher feingeschnittenen Gesichtszügen stehen in seltsamen Kontrast zu der ihm vorgeworfenen Tat. Er kann sich immer noch an nichts erinnern.

Die Anklage lautet auf Mord. Aber auch die Staatsanwaltschaft geht in ihrer Anklageschrift davon aus, dass der Angeklagte wegen einer psychischen Störung möglicherweise vermindert schuldfähig ist. Der erste Verhandlungstag am Landgericht nährt den Verdacht, dass da was dran sein könnte.

Es ist eine bewegende Aussage, die die Tante des Täters macht. „Kenneth ist wie mein Sohn“, sagt sie. „Ein fröhliches, lebhaftes Kind“ sei er gewesen, doch habe ihm „die liebevolle, starke Hand gefehlt, die ihn begrenzt hat“. Die Mutter sei mit dem Kind überfordert gewesen, Kenneth verbrachte etliche Jahre in einer Pflegefamilie. Aus dieser Zeit bringt er ungute Erinnerungen und eine gebrochene Nase mit. Sie kenne Kenneth als einen, „der meilenweit laufen würde, wenn man ihn um ein Glas Wasser bittet“. Als einen Mann, der sich rührend um eine erkrankte 96-jährige Bekannte gekümmert habe, der er am Krankenbett Geschichten vorgelesen und sein Vogelhäuschen geschenkt hatte. „Meine eigenen Kinder sind viel egoistischer“, sagt die Tante.

Doch vor der Tat habe er sich verändert, wirres Zeug am Telefon von sich gegeben. „Ich habe Stimmen gehört“, soll er der Tante gesagt haben, „ich weiß nicht, ob von außerhalb oder von innen.“ Er habe es mit Ohropax versucht. Die Stimmen seien wohl von innen gekommen.

Angehörige packt das Entsetzen

Als sie ihn nach der Tat im Gießener Gefängnis besucht habe, wo er miserabel behandelt worden sei, habe sie das Entsetzen gepackt. „Ich hatte das Gefühl, dass da von einem Moment auf den anderen auf einmal jemand anderes sitzt. Da war ich froh, dass er Handschellen anhatte.“

Der Nachbar, Herr R., der die Tat mitansehen musste, hat sie nicht verkraftet. Er ist seitdem im Betreuten Wohnen untergebracht. Als er die Vorladung als Zeuge vor Gericht erhielt, erlitt er einen Nervenzusammenbruch, er befindet sich derzeit in der Psychiatrie. Der Vorsitzende Richter Klaus Drescher würde ihm gerne eine Aussage ersparen. Die Staatsanwaltschaft sieht dafür keine Veranlassung.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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