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Die Fotografien spiegeln den einzigartigen Blick Erika Wachsmanns wider.

Bad Homburg

Bad Homburger Zeitgeschichte in Schwarz-Weiß

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Fotografien von Erika Wachsmann im Gotischen Haus zeigen das Laternenfest des Jahres 1955.

Es gibt dieses Bild einer jungen Frau, scheinbar einsam sitzt sie wartend, irgendwo am Rand eines Karussells, das nur schemenhaft zu erkennen ist. Träumt sie? Beobachtet sie? Man sieht nicht, was sie sieht. Keiner sieht sie, nur Erika Wachsmann. Die Fotografin setzt sie als Mittelpunkt ins Licht. Eine Sekunde eingefrorene Zeitgeschichte beim Laternenfest 1955 in Bad Homburg. Erika Wachsmann, eine Meisterin, den Fluss des Lebens in die Ruhe der Form zu gießen. So hat es Willi Baumeister treffend auf den Punkt gebracht, ihr Lehrer an der Städelschule Frankfurt. Der Betrachter erlebt es umgekehrt, findet das pulsierende Leben, wenn sich das Bild für ihn öffnet.

Bad Homburg in den 50er- Jahren, noch immer ist Nachkriegszeit, die Stadt eher dunkel. Das Laternenfest soll Licht in die Stadt bringen, wenigstens ein bisschen. Lichtgirlanden ziehen sich an Hausfassaden entlang, die Menschen schmücken Balkone, die Laterne als Sinnbild für neues leuchtendes Leben. Das Fest und die Vorbereitungen brachten Leben in jedes Haus und jede Gasse. Freude für kurze Momente in schweren Zeiten. Nur einmal, im Jahr 1955, ist Erika Wachsmann beim Laternenfest durch ihre Wahlheimat gezogen, in der sie knapp 40 Jahre ihres Lebens gewohnt hat. Mit einem Atelier in der Thomasstraße, von wo sie das Leben in der Stadt stets im Blick hatte. Die rund 30 Fotografien, die derzeit im Museum Gotisches Haus zu sehen sind, bringen all das auf den Punkt, was das Fest der Lichter in diesen frühen Jahren ausgemacht hat, als noch nicht Hunderttausende wie heute zum Feiern in die Stadt strömten.

Modelle des Laternenfestes von einst.

Nachtbilder fast alle. Der Kurhausvorplatz im matten Licht, Bänke und Tische leer, nur noch ein paar Gäste am Stand von „Dortmunder Union Bier“. Die Party ist vorbei, der Fluss des Lebens gebremst. In den Stillleben fließt er weiter, nur der Betrachter kann ihn wecken. Erika Wachsmanns Fotografien wechseln – zwischen distanzloser Beobachtung einzelner Menschen und der Darstellung in der Menge, die jede Individualität aufsaugt. Menschen von oben gesehen oder von hinten im Schatten, wo nur die Laternen auf den Festwagen beim Umzug spärliches Licht auf die Szenerie werfen.

Anne Hoffmann, Schülerin und Nachlassverwalterin der 1997 verstorbenen Erika Wachsmann, hat aus zwölf Filmen à 36 Aufnahmen eine schöne Schnittmenge für die Ausstellung ausgewählt. Sie stehen für den offenen Blick der Fotografin auf die Menschen in ihrer Stadt und ihre Welt in einem kleinen Zeitfenster – dem Laternenfest 1955. Die Ausstellung wird ergänzt durch Objekte zur Zeitgeschichte, die im Zusammenhang mit dem größten Fest im Jahr stehen. Diadem, Ohrschmuck und Festkleid von Laternenfestkönigin Renate I. (1957) ist da etwa zu sehen, ein Modell der Festkutsche und ein Modell, das den Zug der Leute mit selbst gebastelten Laternen zeigt. Natürlich auch eine Vitrine mit den unvergessenen kleinen Laternchen mit Batterie im Brusttaschen-Format, die noch heute gerne von Nostalgikern getragen werden.

Nach der Fotografin mit ihren Schwarz-Weiß-Kompositionen, in denen das spärliche Licht im immer dunklen Umfeld die Ästhetik bestimmt, kommt nur noch der Dichter Friedrich Hölderlin, bevor für knapp drei Jahre im Gotischen Haus die Lichter ausgehen. Erika Wachsmann ist wie der Lyriker kein Kind der Stadt, aber wie der Verfasser des „Hyperion“ ein Gesicht der kulturbeflissenen Stadt. Es passt, dass ihr das Vorspiel zum Finale gewidmet ist, das Hölderlins 250. Geburtstag am 20. März unter anderem mit einer Ausstellung ab Februar in den Mittelpunkt stellt.

Finale mit Hölderlin

Die Ausstellung mit Fotografien von Erika Wachsmann zum Laternenfest ist noch bis Sonntag, 15. Dezember im Museum Gotisches Haus zu Bad Homburg, Tannenwaldweg 102, zu sehen. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Samstag von 14 bis 17 Uhr, Sonntag von 10 bis 18 Uhr. 

Im Februar 2020 ist die Eröffnung einer Sonderausstellung zum „Hölderlin-Jahr“ vorgesehen. Erinnert wird an den 250. Geburtstag des berühmten Dichters und Lyrikers Johann Christian Friedrich Hölderlin, der um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bei zwei Besuchen einige Jahre in der Kurstadt verbracht hat. 

Spätestens Ende 2020 wird das Gotische Haus für eine Umbauphase von drei Jahren geschlossen. Der Brandschutz fordert Fluchtwege ein, die einzelnen Abteilungen des Museums sollen neu präsentiert werden, angekündigt wird ein „völlig neues Museumskonzept“, das im sanierten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert umgesetzt werden soll. Kalkuliert wird mit Kosten von acht Millionen Euro. 

Das zurzeit geschlossene Horex-Museum hinter dem Bad Homburger Bahnhof soll Ende 2020 als Schaudepot des Historischen Museums wieder geöffnet werden. Dort werden knapp 40 000 Objekte aus dem Gotischen Haus vorübergehend zwischengelagert.

jüs

Aus ganz Deutschland bringen Menschenihre Lampen nach Bad Homburg zu Peter Eichhorn. Der 83 Jahre alte Handwerker hat sich auf die Reparatur besonderer Leuchten spezialisiert. 

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