Ausstellung „Zweiheit“ von Juul Kraijer, Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg. Foto: Michael Schick
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Ausstellung „Zweiheit“ von Juul Kraijer, Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg. Foto: Michael Schick

Bad Homburg

Bad Homburg: Fischträumerin in mattweißer Tiefe

  • vonJürgen Streicher
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Juul Kraijer experimentiert bei der Ausstellung „Zweiheit“ im Sinclair-Haus virtuos mit Körpergrenzen.

Juul Kraijer hat eine klare Vorstellung in ihrer Kunstvision. Körpersprache ist ihr Medium, der Mensch ohne Worte, sein Körper ist perfekte Projektionsfläche für alle Ausdrucksformen, in denen sie sich tief verinnerlicht und waghalsig veräußerlicht mitteilt. Der Körper ist für die niederländische Künstlerin als Gefäß Träger von Bedeutung, die Körperform angenommen hat. So beschreibt sie es selbst. Ein Körper verkörpert Gefühle, Gedanken, Träume, geistige Zustände, vielleicht Sehnsüchte, Ängste natürlich. „Dieses Wort ist perfekt: Körper – verkörpert.“ Sagt Juul Kraijer.

In der aktuellen Frühjahrsausstellung im Museum Sinclair-Haus werden die Besucher an Grenzen geführt. Und doch liegt eine meditative Stille über all den Ausschweifungen der dualen Welt von Geist und Körper. Als gäbe es keinen Zwiespalt in der aufgelösten Einheit. Als sei die Zweiheit, die der Ausstellung den Titel gibt, eine ganz natürliche Trennung und Verschmelzung. Sie ist es. In der Fischträumerin etwa, im großen Raum im Erdgeschoss, der nur ihr zu gehören scheint. 1000 kleine Fische umschmeicheln den schlafenden, schwebenden, fliegenden, gleitenden weiblichen Körper in einem Raum ohne Grenzen. Sie kommen zu ihr, kommen aus ihr, legen sich um die zierliche Figur. Für Momente gehören sie zusammen in dieser unendlichen mattweißen Weite, die nur der schlichte Rahmen begrenzt.

Kunst im Dialog

Zum Künstlergesprächkommt Juul Kraijer am Mittwoch, 11. März, um 19 Uhr ins Museum Sinclair-Haus, Löwengasse 15. Dort spricht sie mit hr2-kultur über Leben und Arbeit als Künstlerin.

Die Ausstellung„Zweiheit“ ist bis zum 1. Juni zu sehen, Di. 14-20 Uhr, Mi-Fr. 14-19 Uhr, an Wochenenden und Feiertagen von 10-18 Uhr. Regelmäßige Führung: sonntags um 11.15 Uhr.

Das Begleitprogrammzur Ausstellung ist umfangreich. Philosophische Streifzüge zum Thema, Bildgespräche, eine Kuratorenführung, ein e Performance und ein Kunstabend mit Studenten gehören dazu. Alle Termine: www.museum-sinclair-haus.de jüs

Die Zeichnung ist ihr Metier

Im Kunstmuseum Den Haag ist die Fischträumerin zu Hause. Kohle auf weißem Papier, jeder Betrachter wird ihr, wenn überhaupt, einen anderen Namen geben. Juul Kraijer braucht keine Titel – nie. Alle großformatigen Zeichnungen mit Kohle und Kreide sprechen für sich, öffnen in jedem Kopf und Körper andere Bilder von Innen und Außen, Einheit und Zweiheit. Der Bronzekopf, aus dem so viele Köpfe sprießen, beim Nachbarkopf formen jede Menge Ohren eine schön modulierte Frisur. Zu viele Köpfe im Kopf, so viele Ohren, kennt doch jeder.

Juul Kraijer will keine Titel für ihre Werke, ob Zeichnungen, Skulpturen, Fotografien oder Filme, mit deren Techniken sie zuletzt verstärkt experimentiert hat. Manchmal erläutert sie am Rand ihre Gedankenspiele, erklärt Arbeitsvorgänge. Oder erzählt, was sie „von der Skulptur gelernt“ hat, von einem indischen Holzschnitzer. Wie sie seitdem Licht zeichnet mit weißer Kreide, immer mit einem 3-D-Modell der Figur im Kopf. Die Zeichnung ist ihr Metier, davon ist sie besessen, das hat sie zu Beginn ihres Studiums an der Academie voor Beeldende Kunsten in Rotterdam gespürt. Da war sie 19 Jahre alt, drei Jahrzehnte später ist diese Besessenheit ungebrochen.

Der weibliche Körper bleibt über all die Jahre das Medium, um Gefühle und manchmal scheinbar auch Nicht-Gefühle zu visualisieren. Bei ihren Fotografien fühlt sich Juul Kraijer wie eine Choreografin, als Arbeiterin mit dem menschlichen Körper, der alles ausdrücken muss. Und den Betrachter an jene Grenzen führt, die zu ihrem Konzept gehören. Grenzen des Möglichen, des Ertragbaren. Surreale Bilder im Schlangenraum mit dem dreifachen Haupt der Medusa groß an drei Wänden. Schlangen umfließen den Frauenkopf, ihr Kopf ist unbewegt, allenfalls ein Lid bewegt sich im Fluss der Leiber. Surreal die Fotografien, in denen Käfer, Insekten und Schmetterlinge auf Frauengesichtern die Choreografie lenken, entgrenzt die Tänzerin mit den schwarzen Haaren, verknotet mit ihrem eigenen Körper. Sanft und beruhigend die Fischträumerin ohne Titel.

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