+
In der Schreinerei Pfeifffer tanzen als Hippies kostümierte Besucher zur Musik von Johnny Skandal und Band.

Bad Homburg

Bad Homburg: Mit Bob Dylan zurück nach Woodstock

  • schließen

Die Musiknacht in Bad Homburg will dem legendären Festival von 1969 Tribut zollen.

Die Geister, die ich rief, die kommen manchmal mit Macht daher. Die gefühlten zehn Minuten, in denen die Erinnerung an Bob Dylan am schon etwas späteren Abend wie ein tropischer Wirbelsturm durch die Englische Kirche fegte, waren allein den Besuch der herbstlichen Musiknacht wert. Fünf Herren mit Gitarren, Keyboard und Schlagzeug riefen den Sturm hervor, kreierten mit ihren Instrumenten im kongenialen Zusammenspiel aus dem Stück „Hurricane“ für den einen oder anderen Musikfan den musikalischen Höhepunkt des Abends. „Dylans Dream“ nennen sie sich respektvoll nach einem Song von Dylan aus ganz frühen Jahren, 1963.

Bob Dylan war gar nicht in Woodstock. Na und? Alle, die hier spielen, waren nicht in Woodstock, und die meisten Songs, die in der Musiknacht 50 Jahre nach dem legendären Festival in New York Upstate aus den Lautsprechern dröhnen, haben mit Woodstock so wenig zu tun wie der gleichnamige Zeichentrick-Hund. Eine Nacht, 14 Locations, 16 Bands und ein paar angesagte DJs, den Stempel „Woodstock“ trauten sich nur wenige aufzudrücken, drin war auch bei ihnen meist etwas anderes. Macht nichts, das Fan-Volk, das durch die regenfeuchte Nacht schwärmt, will Party, und die bekommt es je nach Geschmack, in Bars und Restaurants, Kneipen und Musikschuppen. Alles gut zu Fuß erreichbar, gut planende „Hopper“ können einiges abarbeiten.

Platz zum Rocken ist in der kleinsten Hütte. In „Steve’s Bar“ müssen auch die drei Musiker von „Macys Mob“ zusammenrücken, die Besucher ohnehin, Gespräche sind im krachenden Sound kaum möglich. „Heute kein Service“ steht auf einem von Hand geschriebenen Zettel, der Zapfhahn hinter dem Tresen ist nahezu pausenlos geöffnet. Gehen ein paar raus, können ein paar andere sich reinquetschen.

„Dylan’s Dream“ ist auch aufgetreten.  

In der „Kartoffelküche“ gegenüber sagt die Sängerin von „Radio Attack“ den Tischhockern schon nach dem zweiten Stück den Kampf an. „Geschirr runner, druff auf’n Tisch!“ Homburg strömt mit einsetzendem Regen in schnell überhitzte Räume, um 21.30 Uhr meldet die Kartoffelküche „wegen Überfüllung geschlossen“. Gehen ein paar raus, können ein paar andere sich reinquetschen. Die Kontrolleure achten penibel auf das Gleichgewicht der Kräfte.

Also weiter zur Kneipe „Alt Homburg“ am Schulberg. Dort gibt es noch Stehplätze, dort singen die beiden älteren Herren, die sich als Duo „The Sixties“ nennen und laut Eigendarstellung von Afri Cola und vom Hamburger Star-Club träumen, den Song „Relax“ vom Frankie, der nach Hollywood geht. Ist leider nur dem Teil der Spezies Mensch möglich, der zu den Rauchern gehört. Auch in der „Schreinerei Pfeifer“, meist ein Hot-Spot der Homburger Musiknächte, spielen ältere, aber keineswegs reife Herren mit Glitzerhütchen und dunkler Sonnenbrille auf. Hier sollen sogar Mädels im Hippie-Look gesichtet worden sein, heißt es kurz vor Beginn des zweiten Sets. Die deutschen Textbausteine von „Johnny Skandal“ zu Klassikern der Rock-Geschichte verursachen auch Schmerzen in manchen Gehirnwindungen, vielleicht sind die Flower-Power-Frauen deswegen nicht mehr da. „Jimi Hendrix dreht sich im Grab rum“, murmelt einer im Hintergrund, als der Gitarrist „Hey Joe“ intoniert. Nur Dylan und seine Träume können Woodstock noch retten. Auch wenn er nicht da war.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare