+
Mit Dreispitz, Wanderstab und Laterne unterwegs: Karlheinz Lang beim Schließgang.

Bad Homburg

Ein Glas Wein mit dem Geist Hölderlins

  • schließen

Mit Nachtwächter Karlheinz Lang auf Schließgang im Schlosspark.

Der Riesling von den Weinbergen des Klosters Eberbach passt perfekt zum Verdauen von Geschichte und Geschichten. Wenn die Nacht hereingebrochen ist, alle Tore des weitläufigen Parks geschlossen sind und der Geist Friedrich Hölderlins durch die alte Schlossbibliothek wabert. Ein schönes Glas des guten Trockenen aus dem Rheingau zum Anreichern der Sinne, die geweckt wurden durch die munteren Erzählungen aus den alten Tagen des Bad Homburger Schlosses. Als hier noch die Landgrafen von Hessen-Homburg residierten und später der preußische Kaiser Wilhelm II. seine Sommerresidenz installierte. So lässt sich auf den Spuren vergangener Träume träumen.

Die Bibliothek mit einst 16 000 Bänden im hohen Saal, durch den Hölderlin durch Vermittlung von Isaac von Sinclair zeitweilig als Bibliothekar schlurfte, ist der passende Ort für das Finale des „Schließgangs“ mit dem Nachtwächter des Schlosses. Im Halbdunkel prangen die lebensgroßen Porträts einiger früherer Schlossbewohner an einer Seitenwand, für kurze Zeit werden sie beim Wein noch einmal lebendig in den Erzählungen von Karlheinz Lang. Als hätte der kleine Mann mit dem Kinnbart sie alle gekannt, die Blaublütigen vom Schloss, Margarethe von Schweden, Louise von Kurland, Prinzessin Elisabeth aus England und ihre Männer dazu.

Ein wandelndes Geschichtsbuch in Sachen Schloss und seiner Bewohner, dieser Karlheinz Lang. Obwohl er Franke ist und erst durch die Heirat eines „Homburger Mädchens“ eingeplackt wurde. Ein guter Erzähler, wenn er ins Kleid des Nachtwächters schlüpft und den Dreispitz aufzieht. In der einen Hand seinen Wanderstab, in der anderen die Laterne mit der „echt elektrischen Kerze, damit der Kittel nicht brennt“. Bei gedämpften Glockengeläut im Hintergrund begrüßt er sein 25-köpfiges Gefolge, das ihn auf dem Schließgang begleiten darf. Und als Erstes notieren wir in unserem Gedächtnis, dass der Landgraf, der als Prinz von Homburg auch in die Literaturgeschichte eingegangen ist, viel erfolgreicher war im richtigen Leben als in der Erzählung von Heinrich von Kleist.

Den „Weißen Turm“, das heutige Wahrzeichen der Stadt in der Mitte des Schlosshofes, hat Bauherr Friedrich II. als einziges Relikt der mittelalterlichen Burg behalten, als er drum herum von 1679 bis 1686 sein Schloss errichten ließ. Zeit für eine kurze Umrundung und eine späte Erkenntnis, wie das Wort türmen als Synonym für fliehen entstand und was es damit auf sich hat, wenn es heißt, dass jemand Pech gehabt hat. Auch darüber sinniert Nachtwächter Karlheinz Lang, der sich wirklich prächtig auskennt im Schloss, im Hof und im Park.

Zwölf Tore gilt es zu schließen beim Gang über das 14 Hektar große Parkgelände. Anders als seine Vorgänger in alten Tagen muss der heutige Nachtwächter kein schweres Bündel Schlüssel mit sich tragen, sein „General“ passt überall. Am kleinen Tor neben der Orangerie in der Löwengasse, am Hinterausgang zur Altstadt Hinter den Rahmen, am verkehrsumtosten Hindenburgring mit Blickrichtung vom landgräflichen Obstgarten über die Tannenwaldallee zum Lustschloss des Landgrafen Gotisches Haus. Und natürlich am Seiteneingang am Meiereiberg, wo es einst Stallungen gab und Karlheinz Lang eine schöne Anekdote über kindlichen Schabernack erzählen kann. Ein Stück weiter unten grasten schon zu Landgrafs Zeiten Schafe, um die Wiese kurz zu halten. Schlossgärtner Peter Vornholt hat den Gedanken aufgenommen, seit dem vergangenen Jahr grasen dort ein paar „Leihschafe“ hinter einem Gatter.

Ausgerechnet das große Löwentor, von dem man einen so schönen Blick auf den „Englischen Flügel“ mit den Wappen derer zu Hessen-Homburg und – in Erinnerung an Prinzessin Elisabeth – des englischen Königshauses hat, bietet an diesem Abend kurz nach Sonnenuntergang keinen wirklich pittoresken Hintergrund für ein Erinnerungsfoto mit der riesigen Libanonzeder als Zier des Schlossgartens. Reichlich berauscht ist ein junger Autofahrer kürzlich ins Tor gerauscht, ein Seitenflügel des schmiedeeisernen Tores ist arg ramponiert. Nachtwächter Karlheinz Lang hätte dem Burschen wohl die Ohren lang gezogen, wenn er ihn erwischt hätte.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare