Amtsgericht Bad Homburg

Erst Freibier, dann Tritte vor den Kopf

  • Fabian Böker
    vonFabian Böker
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Bei einer Auseinandersetzung auf der Ober-Erlenbacher Kerb erleidet ein Besucher Kopfverletzungen. Zwei junge Männer müsen sich vor dem Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Einer der beiden wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Es ist Montagabend, letzter Tag der Ober-Erlenbacher Kerb. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, die Musik spielt, das Bier fließt, die Leute sind gut drauf. Wenige Stunden später liegt einer der Besucher in der Bornstraße auf dem Boden, ist am Kopf verletzt, die Polizei kommt. So weit ist alles klar. Doch wie es überhaupt zu dieser Situation kam, wer wen wann und wo provoziert, beleidigt, geschlagen und getreten hat, das durfte gestern das Bad Homburger Amtsgericht klären.

Auf der Anklagebank saßen zwei junge Männer. Beide werden in diesem Jahr noch 23. Ihnen wurde gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft hat der etwas ältere von ihnen im Anschluss an die Kerb, es war gegen 4.15 Uhr, das spätere Opfer, 25 Jahre alt, zunächst mit Worten, dann körperlich angegangen. Als der Kontrahent zu Boden ging, sollen weitere Tritte auf Kopfhöhe gefolgt sein. Das Opfer erlitt eine Prellung und eine Gehirnerschütterung.

Doch schon an diesem Punkt gingen die Ansichten auseinander, vor allem die des Opfers und der Richterin. Beide sprachen von den gleichen Verletzungen, bewerteten diese aber höchst unterschiedlich. „Würden Sie sagen, dass sie schwer verletzt waren?“, fragte die Richterin. „Ja, definitiv“, antwortete der Geschädigte.“ „Das sehe ich anders“, so die Replik aus dem Richterstuhl. Die Bewertung sollte später noch eine Rolle spielen, zunächst traten jedoch vier weitere Zeugen auf.

Unterschiedliche Angaben

Sie alle waren vorher auf der Kerb, sie alle wurden Augenzeuge der Prügelei, und sie alle waren sich einig, dass der ältere Angeklagte den am Boden liegenden 25-Jährigen getreten hat. Auf den Kopf. Mindestens zwei Mal. Über den genauen Tathergang machten sie jedoch nicht immer deckungsgleiche Angaben.

Schon der erste Zeuge war sich nicht oft sicher. Er konnte sich zwar klar an die Rangelei und die Tritte erinnern, benutzte aber auch häufig Ausdrücke wie „ich wollte“, „ich glaube“ oder „ich denke“. Seine erste Angabe von etwa 80 Metern, die er beim ersten Sichtkontakt mit der Rangelei von dieser entfernt gewesen sei, revidierte er auf Nachfragen der Richterin: „Vielleicht waren es auch 40.“ Die Richterin wollte ihm auf die Sprünge helfen und ließ ihn gedanklich den Gerichtssaal vermessen. „30 Meter könnte der schon lang sein“, mutmaßte er. Es sind 12,31 Meter.

Als nächstes betrat seine Ehefrau den Zeugenstand, bestätigte den Tumult mit vier Personen, berichtete von ihrer Hilfsaktion, indem sie zehn Kerbburschen Bescheid gesagt hat, und erinnerte sich auch an Tritte auf den am Boden liegenden Mann.

Auch die nächste Zeugin sprach von Rangeleien – „wie Schlägereien halt so anfangen“ – und den Tritten. Diese seien mit voller Wucht ausgeführt worden, was die Richterin angesichts der von ihr als minderschwer bewerteten Verletzungen des Opfers zumindest in Frage stellte. Auch ordnete die Zeugin dem Angeklagten einen schwarzen Kapuzenpulli zu; er bestand darauf, ein T-Shirt getragen zu haben.

Das Opfer selbst berichtete von permanenten Pöbeleien beider Angeklagten im Laufe des gesamten Abends. Als er dann gegangen sei, habe er ihnen zu verstehen gegeben, dass er keinen Stress haben wolle. Sie seien ihm und seinem Begleiter aber nachgelaufen und hätten die Auseinandersetzung gesucht, von der er selbst nach Schlägen auf die Schläfe nicht mehr viel mitbekommen habe.

Angeklagter selbst verletzt

Die Angeklagten sahen dagegen das spätere Opfer in der Rolle des Aggressors, sowohl im Kerb-Zelt als auch auf der Straße. Der Ältere berichtete gar von einer eigenen Verletzung an der Hand, deren Folgen er nun „sein Leben lang ertragen“ müsse.

Mitleid konnte er damit weder beim Staatsanwalt noch bei der Richterin wecken. Die sahen durch die Zeugenaussagen im Kern ein zusammenhängendes Bild eines Jungspundes, der im Alkoholrausch – 2,3 Promille zeigte das Messgerät an diesem Abend an – zugetreten hat. Und das sogar auf jemanden, der schon am Boden lag. Für die Richterin eine nicht zu entschuldigende Tat. „Mit etwas Pech erleidet das Opfer schwerwiegende Verletzungen und die Tat landet als versuchter Totschlag vor dem Landgericht“, gab sie dem Haupttäter mit auf den Weg.

Als dieser wurde er verurteilt, zu fünf Monaten Freiheitsstrafe, für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Plus 200 Sozialstunden. Das Verfahren gegen seinen Freund wurde gegen die Auflage, 50 Sozialstunden abzuleisten, eingestellt.

Beide Angeklagte stuften sich übrigens an dem Abend als friedlich ein. Indiz dafür sei ein Angebot der Kerbburschen gewesen. Die hätten ihnen als Dank dafür, dass sie übers Wochenende ruhig geblieben seien, Freibier ausgeschenkt. Befolgt der Verurteilte den letzten Rat der Richterin, schlägt er derartige Angebote in Zukunft aus: „Wenn Sie das Saufen nicht vertragen, dann lassen Sie es sein“, sagte sie.

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