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Eine Wunde, die sich nie schließt

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Von: Olaf Velte

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„Parsifal“-Probe: Simon Bailey singt, Susanne Rohn dirigiert.
„Parsifal“-Probe: Simon Bailey singt, Susanne Rohn dirigiert. © Michael Schick

In der Erlöserkirche in Bad Homburg proben Orchester und Solisten das letzte Stück Richard Wagners. Am Sonntag ist Vorführung. Es ist eine Premiere der eigenen Art.

In der Erlöserkirche in Bad Homburg proben Orchester und Solisten das letzte Stück Richard Wagners. Am Sonntag ist Vorführung. Es ist eine Premiere der eigenen Art.

Schattiger Wald, felsiger Boden, eine Lichtung. All das wird nicht zu sehen sein. Ganz zu schweigen von der Gralsburg mit ihrem mächtigen Saal. Auch die Ritter des Grals schreiten nicht feierlich herein. Was die Augen nicht sehen, eröffnet sich dem Gehör. Die Erlöserkirche wird am kommenden Sonntag zum Raum von Wagners Parsifal.

Eine Premiere der eigenen Art: Erstmals wird in Deutschland das komplette Bühnenweihefestspiel in einer Kirche dargeboten 131 Jahre nach der Uraufführung in Bayreuth. Vier Stunden und dreißig Minuten wird dauern, was derzeit mit fast hundert Beteiligten im Rund des Homburger Sakralbaus geprobt wird. Nie hat die Gemeinde etwas Größeres und Anspruchsvolleres gewagt.

Am frühen Nachmittag, während sich draußen der Himmel über der Kurstadt gewittrig verfärbt, beginnt die Arbeit. Stühle werden herumgereicht, Orchestermusiker spielen sich ein, unterm hell leuchtenden Lichtkreuz tönt es wie Donnerhall. Kantorin Susanne Rohn erklimmt das Dirigentenpult, auf der Kanzel erscheint ein Mann im schwarzen Hemd. Auf ihn wird sich an diesem Tage vieles konzentrieren, ist er doch einer der Hauptfiguren des letzten Werks von Richard Wagner. Simon Bailey, Bassbariton und Mitglied des Frankfurter Opern-Ensembles, singt die Partie des Gurnemanz.

Für den Engländer ist es ein Rollendebüt und für die Zuhörer eine Freude. Mit gebotener Kraft steigt er ein, begleitet vom Orchester LArpa festante, das auf historischen Instrumenten musiziert. Nach dem Willen der künstlerischen Leiterin soll das Klangbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts wiederauferstehen. Es wird ein konzentrierter und anstrengender Nachmittag. Bläser und Streicher müssen sich annähern, viele Passagen werden wiederholt, ins klanglich Reine gefügt. Forcieren, verlangsamen die Dirigentin formt mit Händen und Stab den Fluss aus Tönen.

Die Zeit vergeht. Und dann ist alles da: Der Morgentau auf dem Moosbett, das Murmeln des Baches, die herangaloppierende Kundry. Ein Unglück, das sich fortspinnt. Die Wunde ists, die sich nie schließen will, singt Bailey, während der Cherubim unterm Kirchendach seine sechs Flügel ausbreitet. Noch heller glänzt das Gold im byzantinisch-gehaltenen Gewölbe.

Wagner ist ein Kosmos, sagt Rohn. Ein abgrundtiefer. Schwierig, den Religionsverächter ins Haus zu holen. Und doch: Als Hohelied des Mitleids passt der Parsifal in die Kirche. Nicht zuletzt die Figur des Gurnemanz sei hier so wichtig. Unbestreitbar ist jedoch die Schönheit und Einzigartigkeit der Komposition. Parsifal ist ein großes Kunstwerk für alle nicht nur für Christen, so Norbert Abels, Chefdramaturg an der Oper Frankfurt und Ermöglicher des Homburger Weihespiels. Sein Begleitbuch Welterlösung ist gerade erschienen. Was mit dem Parzival des Wolfram von Eschenbach seinen Ausgang nahm, gerinnt bei Wagner zu Musik als letzte Religion. Erlösung von einer Welt, die nur ein leerer, mit Gebein besäter Anger ist. In der Erlöserkirche, wo die Musik kein Ende nehmen will, darf dies alles mitbedacht werden. Überwältigung packt auch jene Flaneure, die sich an diesem Nachmittag in das Gotteshaus verirren.

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