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Ein Leben wie ein Kinofilm

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Typische Pose aus dem Buch: Fritz Rau bei der Arbeit inmitten seiner Crew. Repro: dreisbach
Typische Pose aus dem Buch: Fritz Rau bei der Arbeit inmitten seiner Crew. Repro: dreisbach © mad

Buch über den legendären Konzertveranstalter Fritz Rau zeichnet sein schillerndes Wirken nach

Bad Homburg - Eine typische Szene, wie sie eigentlich nur einem (aber längst nicht jedem) Konzertveranstalter zustoßen kann: Kopenhagen, 1960. Fritz Rau liegt nach einem Konzert fiebrig und schweißgebadet im Hotelbett; er ist erkältet. Marlene Dietrich hat gesungen - ein Mysterium, sein Idol, eine Frau nicht von dieser Welt. Die plötzlich in seinem Zimmer steht: „Mein Gott, jetzt erscheint sie dir schon im Traum.“ Der Star schwebt auf ihn zu, lüftet die Bettdecke, knöpft ihm den Pyjama auf: „Um Himmelswillen, jetzt geht’s aber los, an so was wagt man ja gar nicht zu denken.“ Dann reibt sie seine Brust mit Erkältungssalbe ein und küsst ihn auf die Stirn.

Hendrix, Joplin, Davis - er kannte sie alle

Das ist nur eine von ungezählten Episoden, die dem Konzertveranstalter Fritz Rau in seinem langen und ereignisreichen Leben (1930 bis 2013) zustießen, Szenen wie aus dem Kino, die indes sein Leben ausmachen und die ungezählten Bänder - fünfzig Stunden sollten es werden - füllen, derer sich Kathrin Brigl und Siegfried Schmidt-Joos angenommen haben. Ursprünglich war das Manuskript schon 1985 entstanden. Doch nicht nur Konzerte, auch Bücher haben ihr Schicksal, und nun wurde der Text für das 2022 im Verlag Andreas Reiffer erschienene Buch überarbeitet und ergänzt. Es hat, weil dieser in einfache Verhältnisse in der Zwischenkriegszeit geborene Mann Fleiß und Charisma miteinander verband und sich nie ausruhte, den Titel „Rock’n’Rau - Wie der Konzertveranstalter Fritz Rau zum Buchhalter der Träume wurde“.

Das kurzweilige Werk hat knapp 400 Seiten, viele Fotos wie das von den Les Humphries Singers vor einem Barockaltar lassen die eigenen Lebensalter noch einmal aufblitzen. Man war ja schließlich selbst dabei, aber Rau war dran. Und das kommt diesem Buch zugute. Es ist kein selbstverliebter Hymnus, sondern entspricht Raus aufrichtiger fleißiger Natur, die ohne Raffinesse und den ausgefuchsten Draht zu seinen Musikermenschen nicht so erfolgreich gewesen wäre.

Auf einem anderen der ausnahmslos schwarz-weißen Fotos sitzt er inmitten seiner zehnköpfigen „Crew“ auf einem wahrlich großen Sofa. Rau, hohe Stirn, Brille, melierter Bart, schaut nicht in die Kamera, er studiert ein Din-A-4-Blatt, Arbeit geht vor. Hinten hängen Plakate mit Namen wie Ulla Meinecke, Howard Carpendale (für den er sich so stark einsetzte, dass Harry Belafonte seinen Leadgitarristen für Howards Tournee freistellte) oder Stefan Waggershausen. Raus Motto ist auch nicht eben selbstgefällig, sondern ungeschminkt klar und stammt von Konstantin Wecker: „Genug ist nicht genug.“ Das sagt Rau, der „Buchhalter der Träume“, nach dreißig Jahren Arbeit - um weiterzumachen. Schon der Einband glänzt mit Namen, die pure Musik verkörpern: Etwa Duke Ellington, Ella Fitzgerald, Miles Davis, Ray Charles und Aretha Franklin. Mit vielen war er befreundet.

„Rock’n’Rau“ schildert den Werdegang des in der Provinz geborenen Jungen, der Jurist hätte werden sollen, so lautete das Versprechen, das er der frühverstorbenen Mutter geben musste. Er löste es später ein, aber erst einmal kam der Jazz und mit ihm Horst Lippmann, 1927 geboren. Der Jazz, diese von den Nazis verpönte und verbotene Musik, half ihnen in die neue Zeit nach der Befreiung. Die als Lippmann + Rau veranstalteten Konzerte zwischen 1962 und 1985 sind ein ABC der internationalen Musikwelt: Janis Joplin, Ten Years After, Jethro Tull, Blood, Sweat & Tears. Rau, der in Oberursel gewohnt hat (wo Jimi Hendrix 1969 übernachtete), in Bad Homburg, wo er seinen 55. Geburtstag im Wasserweibchen feierte, und zuletzt im Rosen in Kronberg, wo er mit 83 Jahren 2013 starb. Joan Baez hat ihm ein Lied gewidmet. Er begegnete ihr beim Ostermarsch 1966 in Frankfurt. „Sie war überirdisch schön, dass ich einfach geschmolzen bin.“ „Windy Streets of Heidelberg“ streift kursorisch durch sein Leben und die deutsche Geschichte: „And you remember the Holocaust/You remember all we lost/Children gone and borders crossed“.

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