Bad Homburg

Bibi wartet auf den Prinzen

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Das Amtsgericht hört zwei Versionen einer Rauf- und Beleidigungsgeschichte.

Vor langer, langer Zeit, im Oktober 2018, so sagt die Staatsanwaltschaft, da lebte Bibi herrlich und in Freuden und damals noch als Heranwachsende in einem kleinen Dorf vor den sieben Bergen. Normalerweise lassen dort zur Dämmerung Fuchs und Hase den Tag bei einem Glas Champagner ausklingen, doch an einem dunklen Oktoberabend trübten Misstöne das Dorfydill. So laut wie grundlos keifend, als hätte der Liebe Gott für sowas nicht das Internet erfunden, zog Bibi über die Dorfpromenade,

Das störte einen Prinzen aus einem Land weit, weit weg, der just dorten zur blauen Stunde schwermütige Gedanken zu grübeln gedachte. Ob es nicht auch ein wenig leiser ginge, fragte der Prinz, man gedenke zu Grübeln. Da aber fuhr ihn Bibi an, er solle sich um seinen eigenen Unrat kümmern, und sie hieß ihn den Bastard einer Dirne. Das amüsierte den Prinzen wohl, denn sowas hörte er nicht oft über seine Mutter, und er sprach: „Mensch, du bist ja richtig cool“. Aber Bibi stand der Sinn nach Minnesang nicht, sie zog dem Prinzen ihre Handtasche über die Wange, dass das Blut spritzte. Und ein Ritter auf zwei Rädern, der hier fälschlich eine Dame in Nöten wähnte, eilte herbei und schlug dem Prinzen seinen Helm so hart auf den Scheitel, dass der zwar nicht ernstlich verletzt, aber ernsthaft verstimmt ward.

Vor nicht allzu langer Zeit, am gestrigen Montag, sagt Bibi, mittlerweile nicht mehr heranwachsend, vor dem Bad Homburger Amtsgericht, die Staatsanwaltschaft erzähle Märchen. Als sie an jenem Abend mit ihrem Liebsten durch das Dorf gelustwandelt sei, da habe ihr plötzlich eine Räuberbande den Weg versperrt. „Ey, du kleine Schlampe“, habe der Räuberhauptmann sie begrüßt, und ihre Frage. ob er „keine Ehre“ hätte, habe er positiv beschieden, indem er sie angegangen sei, woraufhin sie ihm mit ihrem Täschchen eine Respektschelle verpasst habe. Bei dem Helmschläger habe es sich übrigens um ihren Liebsten gehandelt, der den Rest besorgt habe.

Diese Version bestätigt Bibis Freundin Tina, die ebenfalls erst unlängst das Heranwachsen eingestellt hat. Direkt nach der Nacht hatte sie der Polizei anderes erzählt, „aber damals standen Bibi und ich so“, sagt Tina, und bewegt ihre Fäuste aufeinander zu. „Und heute?“, fragt die Richterin. „Heute stehen wir so“, sagt Tina und hält ihre Hände, als bitte sie um das sofortige Anlegen von Schellen, aber das täuscht. „Und über eine Freundin möchte ich nichts Schlechtes sagen.“

Das will der Prinz/Räuberhauptmann auch nicht, denn trotz Ladung erscheint er nicht im Zeugenstand und wird für solche Galanterie mit einem Ordnungsgeld von 100 Euro bedacht. Das Amtsgericht hofft, dass er seine Präsenzpflichten beim nächten Mal wohlwollend überdenken möge, und legt einen weiteren Verhandlungstag in drei Wochen fest. Das klingt so kurz und kann doch so lange dauern, denn Bibi, und das kommt dann doch überraschend, kann ein Wiedersehen kaum erwarten. „Ich warte jetzt seit acht Monaten auf meine Aufenthaltskarte“, der bloß noch die Anklage wegen Körperverletzung und Beleidigung im Weg stünde.

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