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300 Kilometer zu Fuß

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Ulrike Koberg, Rosa-Maria Geiger und Ursula Stiehler (von links) hängen im Gemeindehaus „Schnellschieter“ und andere Wäschestücke aus Waldenserzeiten auf. hillebrecht
Ulrike Koberg, Rosa-Maria Geiger und Ursula Stiehler (von links) hängen im Gemeindehaus „Schnellschieter“ und andere Wäschestücke aus Waldenserzeiten auf. hillebrecht © ahi

Geschichtskreis zeigt Sonderschau über Ansiedlung der Waldenser

Bad Homburg - Dornholzhausen, das ist Villengebiet, Golfplatz, Startpunkt schöner Waldwanderungen - es hat aber einst ganz bescheiden angefangen, in der engen Dornholzhäuser Straße, der damaligen Hauptstraße. Manch hutzeliges Häuschen dort lässt noch die Bescheidenheit erahnen, mit der die Gründer des Ortes, die waldensischen Einwanderer, hier ihre ersten Jahre verbrachten.

Die protestantischen Flüchtlinge aus dem Piemont (heute Italien) durften am Wald nördlich von Homburg Zuflucht finden, weil Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg dies gestattete. Er sah in der Ansiedlung eine Möglichkeit, dort wieder Land kultivieren zu lassen und neue Untertanen zu gewinnen.

Weil die Landgrafschaft vor genau 400 Jahren gegründet wurde, hatte Kulturamtsleiterin Dr. Bettina Gentzcke den Geschichtskreis Dornholzhausen gebeten, eine Sonderausstellung über die Ansiedlung der Waldenser zu organisieren. An diesem Wochenende sind im Gemeindehaus historische Gegenstände aus der Zeit der Waldenser zu sehen, aber auch Landkarten und Schautafeln mit erklärenden Kurztexten.

In dem kleinen Raum steht man sogleich einer Puppe in hellblauer Tracht neben einer Wäscheleine gegenüber. „Figurine“, korrigiert Ursula Stiehler. Die frühere Leiterin des städtischen historischen Museums im Gotischen Haus war auch hier - wie in den Heimatvereinen anderer Homburger Stadtteile - beratend tätig.

Lange Damen-Unterhosen gigantischen Ausmaßes, hinten offen, hängen auf der Leine. „Die wurden ,Schnellschieter‘ genannt“, so Stiehler. „In Kirdorf ,die Unaussprechlichen‘“. So konnten sich Frauen auf dem Feld erleichtern, ohne sämtliche Röcke ausziehen zu müssen. „Im Stehen“, ergänzt Stiehler. Weil Dornholzhausen als einziger Ortsteil kein eigenes Heimatmuseum hat, mussten die Kollegen aushelfen. Die Wäsche und der Waschzuber stammen aus Gonzenheim, die Frauenfigur aus der Central Garage, die Schulbank aus dem Hessenpark, die anderen Schulsachen aus Kirdorf. „Ist aber alles Zeit-authentisch“, betont Ulrike Koberg, Vorsitzende des Geschichtskreises.

ÖFFNUNGSZEITEN

Der Geschichtskreis Dornholzhausen zeigt anlässlich des 400-jährigen Bestehens der Landgrafschaft an diesem Wochenende eine Ausstellung über die Ansiedlung der Waldenser. Die Schau im Gemeindehaus neben der Waldenserkirche, Dornholzhäuser Straße 12, ist am heutigen Samstag und morgigen Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt frei. ahi

Im Gegenzug ist man in Dornholzhausen besonders gründlich, was die Erforschung der ersten Siedler betrifft. Jedes Jahr wird eine Aufsatzsammlung mit neuesten Erkenntnissen veröffentlicht. Auf Dachböden im Stadtteil finden sich dann und wann verschollene Unterlagen, etwa uralte Rechnungen oder Pläne, die Aufschluss über das Leben entlang der Dornholzhäuser Straße, über die Namen der Menschen und ihre Berufe geben. Weiteres Wissen entstammt den anderen Waldenser- und Hugenottenvereinen in Deutschland. So sind auf den Infotafeln im Gemeindezentrum auch neue Erkenntnisse zu lesen.

Erzählt wird die beschwerliche Reise der 40 Familien mit 168 Personen, die 1699 nach Homburg kamen. Männer mussten die 300 Kilometer lange Strecke wandern, Frauen und Alte kamen über den Rhein nach Gernsheim - das flache Schiff wurde anschließend zu Brennholz verarbeitet.

Man erfährt, warum die Waldenser in ihrer damals französischen Alpen-Heimat überhaupt verfolgt wurden, welche Rolle Petrus Waldes (nach dem die Waldenser benannt sind) und Pieter Valkenier hatten (nach beiden sind Straßen im Stadtteil benannt). Auch drei Seiten aus der Genfer Bibel von 1532 sind zu bewundern - das dicke Buch ist noch erhalten, kann aber mangels Vitrine nicht gezeigt werden.

Was sprachen die Waldenser eigentlich? Okzitanisch - „das ist eine gallo-romanische Sprache“, erläutert Vize-Vorsitzender Dr. Walter Mittmann und zeigt auf eine Karte sowie Klangbeispiele. „Es ist eine Schau über alte Dinge, aber da wir heute in einer Welt der Vertreibung leben, hat sie einen sehr aktuellen Bezug“, so Koberg.

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