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Alexander Dietz.
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Alexander Dietz.

Interview mit Sozialexperte Dietz

"Den Armen geht es schlechter als anderswo"

Er hat die Armut im Hochtaunuskreis sichtbar gemacht und ist damit bei manchem Politiker angeeckt. Jetzt verlässt Alexander Dietz den Hochtaunuskreis. Warum, erklärt er im FR-Interview.

Herr Dietz, Sie haben sechs Jahre im Hochtaunuskreis gewirkt und sind in dieser Zeit so etwas wie das soziale Gewissen der evangelischen Kirche geworden. Was ist Ihnen haften geblieben?
Es waren spannende sechs Jahre, ich habe sehr viel erlebt, was ich nicht vergessen werde. Beispielsweise die Tafel-Wette in Oberursel. Ich hatte gegen den Inhaber des dortigen Rewe-Markts gewettet, dass wir mindestens 300 Menschen zu einem Frühstück im Freien zusammenbekommen. Bei einem Wettgewinn hatte der Marktleiter eine Lebensmittelspende für die Bad Homburger Tafel zugesagt. Es sind 1000 Leute gekommen, trotz strömenden Regens. Oder ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in einer Flüchtlingsunterkunft. Das war ein einschneidendes Erlebnis.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Thema Armut ins Bewusstsein der Menschen zu rufen. Was war der Hintergrund?
Ich habe schnell festgestellt, dass es auch im reichen Hochtaunuskreis Armut gibt, wie überall. Mit dem Unterschied, dass hier das Thema unter den Teppich gekehrt wird, um das Image des reichen Kreises ohne soziale Probleme aufrechtzuerhalten. Das drückt sich darin aus, dass es keinen Sozialbericht gibt.

Das haben Sie geändert.
Ja, Mein erstes großes Projekt war der erste Armuts- und Reichtumsbericht. Ich habe mir gesagt, wenn es der Kreis nicht macht, muss es die Kirche machen.

Was war das Ergebnis?
Hier gibt es zwar prozentual weniger Arme als anderswo, aber es sind trotzdem rund 10000 Menschen, die von Hartz IV oder Grundsicherung leben. Ihnen bleibt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weitgehend versagt. Und armen Menschen geht es in reichen Kreisen schlechter als in ärmeren. Die Lebenshaltungskosten sind höher, aber der Hartz-IV-Satz bleibt gleich.

Hat denn Ihr ständiges Mahnen etwas bewirkt?
Es gibt kleine Erfolge. Zum Beispiel wurden die Mietpreisrichtlinien zugunsten der Betroffenen angepasst. Und ich habe durch die vielen Vorträge, die ich bei verschiedenen Institutionen gehalten habe, ein paar Menschen für das Thema Armut sensibilisiert.

Was muss sich ändern?
Das Flüchtlingsheim in Oberursel muss geschlossen werden. Dort leben die Ärmsten der Armen. Die Hessentagsstadt gibt sich weltoffen und sozial. Das passt nicht zu der Flüchtlingsunterkunft. Das Ding muss abgerissen werden.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger raten, wenn es einen gibt?
Die Stelle ist ausgeschrieben, aber es wird noch dauern, bis sie besetzt wird. Ich würde ihm raten, möglichst mit Betroffenen zu sprechen, etwa die Erwerbsloseninitiative zu besuchen oder Flüchtlinge. Wenn man mit den Betroffenen spricht, sieht man manches ganz anders als vorher.

Sie haben eine neue Stelle beim Diakonischen Werk übernommen. Warum ?
Das hat einen profanen Grund. Hier in Bad Homburg hatte ich eine Dreiviertel-Stelle, eine Viertel-Stelle hatte ich an der Uni Heidelberg, dort habe ich mich habilitiert. Die Habilitation habe ich im Dezember abgeschlossen. Danach musste ich mich nach einer vollen Stelle umschauen, denn die in Bad Homburg konnte nicht aufgestockt werden.

Werden wir Sie an einer Uni als Professor wiedersehen?
Das kann ich mir gut vorstellen, sonst hätte ich mich nicht habilitiert. Aber es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich bin jemand, der Menschen gern konkret hilft, sich aber auch gern über Hintergründe Gedanken macht.

Interview: Anton J. Seib

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