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Alte Zarenpaläste sollen Touris locken

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Von: Jürgen Streicher

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Die Fassade des Rutschberg-Palasts ist saniert, innen gibt es noch viel zu tun.
Die Fassade des Rutschberg-Palasts ist saniert, innen gibt es noch viel zu tun. © FR/Streicher

Oberursels Partnerstadt Lomonossow bereitet sich auf eine Zukunft vor, die auch vom Gestern lebt. Ein Museumspark soll Touristen anziehen. Von Jürgen Streicher

Am Pfund der Vergangenheit kommt auch Lomonossow nicht vorbei. Wie das große Sankt Petersburg und die Nachbarstadt Peterhof mit seinem Schloss- und Parkensemble will auch die Hafenstadt am finnischen Meerbusen - etwas bescheidener als die großen Schwestern - mit seinen Palästen aus dem 18. Jahrhundert das Touristenvolk in die Stadt locken. Mit seinem Museumspark muss es sich da keineswegs verstecken. Es wird halt noch ein bisschen dauern, bis der Glanz der alten Zarentage wieder in die Gebäude im 160-Hektar-Park zurückkehrt.

Es fließt viel Geld in die Sanierung des riesigen Komplexes, dessen Mittelpunkt der Menschikow-Palast ist, errichtet für einen Freund und Berater Peters des Großen. Wie viel Geld da fließt, kann Natalia Bakharova, die studierte Kunsthistorikerin und Leiterin des Museumsparks, gar nicht sagen. Oder sie will nicht, weil die Strukturen und Zuständigkeiten zu kompliziert sind nach der Aufgabe der Eigenständigkeit 2003 und der Zusammenlegung mit Peterhof und Strelna zum Verwaltungsbezirk Petrodworetz. Die Aufträge jedenfalls vergibt der Staat, alles wird aus dem Staatshaushalt bezahlt. Bis zum Stadtjubiläum im kommenden Jahr soll zumindest ein Teil des Ensembles neu glänzen.

2011 muss alles fertig sein

Wie in der Partnerstadt Oberursel der Hessentag, gibt in Lomonossow die 300-Jahr-Feier den Takt vor. Mitteltrakt, Fassade und Treppenanlage des großen Palastes sind an der Vorderfront so gut wie fertig, die Großbaustelle ist beim Blick von hinten besser zu erkennen. Die Besucher aus Oberursel haben das Privileg der ersten Ansicht und dürfen auch in den Park, der wegen der Sanierung sonst noch gesperrt ist. Die Grünmeister brauchen noch, im September 2011 soll alles fertig sein.

Im Stadtkern bietet Lomonossow seinen rund 45000 Einwohnern und den Gästen eher das alte Russland aus der Zeit zwischen früherem Glanz und hoffnungsvoller Zukunft. Breite Straßenfluchten zwischen schmucklosen Wohnblocks, ebenso schmucklos der große Platz vor dem leicht heruntergekommenen Bahnhof, undurchsichtige Schaufensterfronten, ein einziges kleines Café im weiten Umfeld. Ein paar Meter hinter der Straßenlinie beginnt vielerorts das Holzhaus-Russland mit Gemüsegärten hinter zerfallenden Zäunen, direkt neben der Markthalle eine Brandruine, Kleinstadt-Tristesse.

Aber es geht voran. "Enorme Fortschritte" machen Oberursels Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) und die Delegationsmitglieder aus, die schon 2003 bei der Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags und zwischendrin zu Besuch in Sankt Petersburgs Vorstadt waren. Ob es neu angelegte kleine Parkanlagen wie der 300-Jahre-Platz mit den Froschfiguren des Bildhauers Nikolai Karlychanov inmitten einer Wohnsiedlung oder der große zentrale Platz sind, die neue Sauberkeit in der Stadt oder so Kleinigkeiten wie verbesserte Ampelanlagen mit Zeitansage für die Grünphase. "Die Sanierung des Parks und der Straßen und die Vorbereitung des Stadtjubiläums sind unsere wichtigsten Aufgaben", sagt die Vorsitzende des neuen Munizipalrates Svetlana Zjrachova.

Ein Hotel fehlt

Und dass es endlich klappt mit dem Bau eines Hotels, ohne das der Tourismus weiter an Lomonossow vorbeiströmen wird. Die jährlich Millionen Besucher etwa des Schloss- und Parkensembles Peterhof nur ein paar Kilometer weiter Richtung Sankt Petersburg. Vier neue Hotels sind zuletzt im Distrikt gebaut worden, Lomonossow ist nicht dabei. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Genaue Zahlen mag keiner nennen, das ist wie mit den Kosten für die Sanierung des Museumsparks mit seinen Palästen.

Die Papierfabrik, die lange viele Arbeitsplätze geboten hat, ist inzwischen geschlossen, eine Großbäckerei und Zulieferbetriebe der Marine bieten Arbeit. Und viele Kleinuntermehmen strecken sich nach der Decke. Wer Arbeit finden will, muss nach Sankt Petersburg, einige sind in der Peterhofer Schlossanlage untergekommen. Dort werden jede Menge Saalwächter, Gärtner und andere Hilfskräfte benötigt.

Auf ökonomischen Aufschwung hofft die Ostseestadt durch den geplanten großen Cargohafen mit 130000 Container-Einheiten und Logistikzentrum auf Lomonossower Gemarkung. Bis 2012 soll er fertig sein und rund 6500 Arbeitsplätze bieten. Sagt jedenfalls der oberste Mann der Bezirksverwaltung, Valentin Schewtschenko.

Noch ist nichts zu sehen vom Cargohafen, aber die Brückenkreisel in schwindelnden Höhen, Betonsäulen, Treppenabgänge, Gabionenwände neben Auf- und Abfahrten, ein Gewirr von Straßen im Bau direkt neben dem potenziellen Hafengelände zeugen vom Willen zur Entwicklung. Der Paddler im Schilf der Uferzone könnte bald in den Sog von riesigen Containerschiffen geraten. Die Erschließung des Gebiets geht rasant voran, 2011 soll der 125 Kilometer lange Autobahnring um Petersburg geschlossen sein. Auch die Verbindung nach Kronstadt und nach Finnland über den Meerbusen ist dann optimiert.

Eine der Abfahrten führt über eine breite Einfallstraße in den südlichen Teil von Lomonossow. Auch hier riesige Wohnblocks, aber auch ein Kulturhaus, ein Ableger der technischen Universität und die Strawinsky-Musikschule. Dort will der Munizipalrat von einem kleinen Märchenwald mit Holzfiguren ein Stück zum "Oberursel-Park" umwidmen. Und vielleicht ein Blumenbeet anlegen, in das mit Blüten die Namen der verschwisterten Städte sozusagen "natürlich eingraviert" sind. "Sehr schön", befand Bürgermeister Brum beim Ortstermin und erklärte sich im Namen der Freundschaft damit einverstanden.

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