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Bad Homburg

„Alle Parteien an einen Tisch"

  • VonAndrea Herzig
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Bernadette Schwarz-Boenneke, Expertin für interkulturelle Fragen, äußert sich im FR-Interview zur Debatte über eine Frauenschwimmen im Seedammbad.

In Bad Homburg gibt es eine vehement geführte Debatte um ein Frauenschwimmen im Seedammbad. Ein kultureller Kampf?
In der Debatte geht es offenbar nicht nur um die Sachfrage. Die wäre: „Es gibt ein Schwimmbad und Frauen, die ohne Männer schwimmen wollen. Müssen also die Öffnungszeiten verändert werden?“ Stattdessen geht es gleich um das große Ganze, die Emanzipation von Frauen, unser Verständnis von Aufklärung und Kultur.

Woher kommt das reflexhafte Argument, dass Rücksichtnahme auf eine Minderheit einen Rückschritt für die Mehrheitsgesellschaft bedeuten könnte?
Jede gesellschaftliche Gruppe hat in unserer Demokratie das Recht, ihre Position zu formulieren. Auf dieser Basis müssen dann gemeinsam Lösungen gefunden werden. Was hier fehlt, ist ein Gespräch aller Beteiligten. Dazu gehören nicht nur die Frauen, die Schwimmzeiten wünschen, sondern auch diejenigen, die es nicht wollen. Bei so einem Konflikt müssen alle Parteien an einen Tisch. Sie müssen sich kennenlernen und die Sachlage klären. Um was geht es eigentlich? Dass die Problembeschreibung nicht angemessen ist, kann man den Presseartikeln entnehmen.

Wie könnte eine Lösung aussehen?
Antworten können nicht pauschal lauten: Entweder Sonderöffnungszeiten oder keine, sondern es muss ein Kompromiss gefunden werden, der alle Beteiligten mit ihren berechtigten Bedürfnissen wahrnimmt. Da helfen Stereotype über vermeintliche Mehr- oder Minderheiten nicht weiter. Wir sind alle gleichberechtigte Bürger einer Stadt und müssen uns gemeinsam über die Nutzung öffentlicher Orte verständigen. Schlagworte wie „Rückschritt“ oder „Intoleranz“ helfen da nicht weiter.
Es wird schnell über etwas geurteilt, das man nicht versteht.
Das ist menschlich, jeder hat Vorurteile. Wenn wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln wollen, müssen wir solche Pauschalisierungen aber überwinden

Dieser Konflikt hat auch mit Vorbehalten gegen den Islam zu tun. Wovor haben wir Angst?
Vor einem Bild des Islams, das medial zu uns kommt. Dieses Bild wird eins zu eins auf Menschen bei uns projiziert, ohne mit der individuellen Person ins Gespräch zu kommen und sie zu fragen, wer sie eigentlich ist und aus welchen Motiven ihr etwas wichtig ist. Wenn man nur über „die Muslima“ spricht, wird nicht eine junge Frau wahrgenommen, die vielleicht hier geboren ist, gerade studiert und sagt, „ich habe keine Lust auf Männer beim Schwimmen“.

Das geht anderen Frauen auch manchmal so.
Auch die müssen mit an den Tisch. Sonst haben wir eine Frontalstellung: die muslimische Frau gegen die anderen, die sagen, wer hier schwimmen will, muss sich anpassen. Das entspricht nicht der Gruppe der tatsächlichen Nutzer des Schwimmbads und auch nicht der, die zu entscheiden haben. Möglichst viele müssen den Kompromiss tragen und Verbindlichkeit herstellen. Wenn nur von oben etwas verfügt wird, fehlt die Akzeptanz und die Verankerung.

Wie können wir solche Konflikte besser lösen?
Es gibt bereits vereinzelte Gespräche zwischen Stadt, Kreis und religiösen Institutionen. Diese müssten aber regelmäßiger und mit allen relevanten Gesprächspartnern aus Religion und Gesellschaft stattfinden. Das wäre ein Signal, dass Diversität in der Gesellschaft wahrgenommen und respektiert wird. Wir müssen ein positives Verständnis von Vielfalt entwickeln. Unsere Gesellschaft wird nicht nur kulturell komplexer, sie wird insgesamt partikularer. Die Ausdifferenzierung von Gruppen und Interessen zeichnet unsere moderne Gesellschaft doch aus.

Und birgt Konflikte.
Ja, weil einfache Antworten nicht mehr funktionieren. Die Konflikte müssen konstruktiv ausgetragen werden, damit wir weiterkommen. Vielfalt ist nichts Bedrohliches, sondern der Normalfall in einer globalisierten Welt.

Die immer komplizierter wird. Und wir tendieren zum Vereinfachen. Da werden dann Stereotype aus Weltkonflikten auf das kleine Frauenschwimmen in Bad Homburg übertragen. Das wird den Menschen vor Ort nicht gerecht. Wenn man einander kennenlernt, kann man Verständnis für die verschiedenen Argumente entwickeln und Gemeinsamkeiten entdecken. Wir sollten miteinander reden, Argumente anhören und Kompromisse suchen. Ehrlich, zwei mal zwei Stunden im Monat Frauenschwimmen, das ist eigentlich kein Problem.

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