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Abgründe hinterm Hoftor

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Von: Olaf Velte

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Dirk Streitenfeld und seine Frau Regine vor den großen und kleinen Beispielen von Comic-Kunst.
Dirk Streitenfeld und seine Frau Regine vor den großen und kleinen Beispielen von Comic-Kunst. © FR/Oeser

Junge Kunst ist derzeit in der Oberurseler Galerie Streitenfeld zu sehen. Das Programm 2010 bietet aber auch eine Schau von Altmeister Hans Hillmann. Von Olaf Velte

Grün ist das Meer. Jedenfalls bei Henning Wagenbreth. So grün wie das Hoftor in der Bommersheimer Langen Straße. Dahinter und eine Eisentreppe höher befindet sich eine Galerie, in der grünes Wasser kleine Wellen schlägt. Und Männer in rotkarierten Jacketts schwere Revolver zücken. Oder Frauen in Badeanzügen aus einem Schrank kommen. Acht Künstler aus Deutschland und Frankreich, kleine und große Bilder: Comic Art auf der Höhe der Zeit.

"Die Abgründigkeit verbindet alle unsere Künstler." Dirk Streitenfeld hat die Galerie gemeinsam mit seiner Frau Regina vor siebzehn Jahren eröffnet, damals aber noch keinen Gedanken an Comics und dergleichen verschwendet. In den ersten Jahren reichte die Palette von klassischer Malerei bis zur Fotografie. Was die Eheleute bald langweilte - und die Suche nach etwas, "das die innere Spannung hochhält", forcierte. Die Erleuchtung ereignete sich schließlich in Berlin beim Durchblättern zweier Bände von Anke Feuchtenberger. Die umgehend für eine Ausstellung in Bommersheim gewonnen werden konnte.

Raum für Comic-Zeichnen

Fortan gab es nur noch eine Ausrichtung: Der jungen Kunst des Comic-Zeichnens Raum zu geben. Der eigens hergerichtete Torbau mit seinen weißen Wänden, Winkeln und eichenen Deckenbalken beherbergt in jedem Jahr drei bis vier Ausstellungen. "Wir betreuen zehn Leute mit ihren Werken intensiv, fünfzehn weitere gehören zum Umfeld", sagt Dirk Streitenfeld. Die aktuelle Präsentation bietet einen guten Querschnitt: Mit ATAK, Feuchtenberger, Pierre La Police und Co. ist die europäische Spitze vertreten. Bis Mitte Januar sind die Arbeiten noch zu sehen - die Streitenfelds öffnen nach telefonischer Vereinbarung.

In der Szene sind die Galeristen nun fest etabliert, neue Bekanntschaften ergeben sich auf Kunstmessen in Dornbirn oder Toronto. Nach Zürich will der gebürtige Eisenacher im kommenden Oktober - "der Comic hat eine große Tradition in der Schweiz". Während die Kunstform auch in Belgien und Frankreich fest verwurzelt sei, gewinne sie in Deutschland nur langsam an Renommee. Ein Stammpublikum ist mittlerweile da, Sammler erkundigen sich regelmäßig nach Neuheiten - kein Wunder, ist die Galerie Streitenfeld doch die einzige ihrer Art im Lande.

Der Kontakt zu den Künstlern befruchtet auch das eigene Schaffen: Regina Streitenfeld widmet sich neben ihrer Lehrtätigkeit der textilen Objektkunst, ihr Mann illustrierte schon früh im Stile Cocteaus und hat heute das Zeichnen und Fotografieren zu seinem Metier erkoren. Beide möchten die "Wechselwirkungen" nicht missen.

Einfach ist das Leben zwischen den Stühlen nicht. "Den Wirtschaftseinbruch haben wir zu spüren bekommen, die Käufer halten sich zurück." Da seien mehrere Standbeine nötig, um auftretende Schwankungen auszugleichen.

Die alte Hofreite im Herzen des Oberurseler Stadtteils hat das ästhetische Dasein mitgeprägt. 1983 haben die Streitenfelds mit der Renovierung des weit über dreihundertjährigen Gebäudes begonnen, ein Jahr später zog die Familie ein. "Für uns war es eine Verpflichtung, hier Kultur zu machen", sagt der 65-Jährige.

Reizvolle Spannweite

Die Ferne zu den Metropolen stört nicht - reizvoll sei diese Spannweite zwischen dörflichem Umfeld und großstädtischer Kunst. "Die Abgeschiedenheit bringt eine Ausgeruhtheit mit sich, die wir für unsere Arbeit brauchen."

Das Programm für 2010 steht: Anke Feuchtenberger wird mit einer Einzelausstellung bedacht, ATAK und Ottfried Zielke treffen aufeinander - und Ende des Jahres erfährt Altmeister Hans Hillmann eine Würdigung zum 85. Geburtstag. Streitenfeld ist nicht nur Stammgalerist des "herausragenden Grafikers", er hat bei ihm studiert und war Vorgänger in dessen Frankfurter Atelier. Wenn sich das grüne Tor in Bommersheim öffnet, wird das Meer wieder Wellen schlagen. Mindestens.

Galerie Streitenfeld, Lange Straße 75 in Oberursel; Telefon 06171/56141.

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