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1420 Tage auf der Walz

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Nach 1420 Tagen auf Wanderschaft kommt Zimmerer Johannes Alfred Denfeld zurück nach Seulberg. Von seinen Erlebnissen auf der Walz hat er FR-Mitarbeiter Jonathan Vorrath erzählt.

Von Jonathan Vorrath

In Schlangenlinien bewegt sich die Gruppe schwarz gekleideter Zimmerer über die Landstraße. Um sie herum hupende Autos und verständnislose Blicke der Fahrer. Mit dem Reisebeutel auf dem Rücken und den Wanderstock in der Hand erreichen die Männer und Frauen schließlich das Seulberger Ortsschild in der Vilbeler Straße. Für einen von ihnen ist es am vergangenen Samstag das Ende einer fast vierjährigen Reise.

Johannes Alfred Denfeld war am 6. August 2006 von diesem Ortsschild aus auf die traditionelle Gesellenwanderung der Freien Vogtländer Deutschlands, kurz die "Walz", aufgebrochen. Der 23-jährige Zimmerergeselle wurde wie es Brauch ist, von seinem Altreisenden Frank Büttel abgeholt.

"In der ersten Zeit auf Wanderschaft hilft einem der Altreisende zum Beispiel bei der Suche nach einem Schlafplatz oder Arbeit", erklärt Denfeld. Doch bevor es damals losgehen konnte, musste der Jungreisende Denfeld eine Flasche Whiskey nahe am Ortseingang vergraben. Dann kletterte er über das Ortsschild und startete in die 1420 Tage dauernde Wanderschaft mit vielen Regeln.

"Man muss mindestens drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft sein, darf nicht länger als drei Monate an einem Ort bleiben und nicht näher als 50 Kilometer an seinen Heimatort kommen. Außerdem startet man nur mit dem, was man am Leib trägt, ein paar Arbeitsklamotten und fünf Euro", weiß Denfeld. Auch der Besitz eines Handys sei verboten und es dürfe nur zu Fuß oder per Anhalter gereist werden.

Prall gefülltes Wanderbuch

Nach altem Brauch blieb der ehemalige Lehrling von Zimmerermeister Matthias Berthold aus Köppern zunächst im deutschsprachigen Raum. "Ein Highlight war hier die Arbeit an den Kulissen zum Film Krabat", berichtet Denfeld. Danach ging es zum ersten Mal weiter weg: "Eine Hilfsorganisation brauchte Unterstützung bei einem Schulprojekt in Pakistan", erinnert sich der ehemalige Schüler der Philipp-Reis-Schule. Es folgten die Arbeit auf einem Schiff auf Gran Canaria, Minenarbeit in Chile und der Bau von Fachwerkhäusern in Kenia.

So ist sein Wanderbuch prall gefüllt. In ihm werden alle Stationen der Walz vermerkt. Jede besuchte Stadt verewigt sich mit ihrem Siegel im Buch des Gesellen und jeder Arbeitgeber schreibt ein Arbeitszeugnis hinein. Beim Durchblättern ist sich Denfeld sicher: "Die Wanderschaft hat mir sehr viel Lebenserfahrung gebracht. Ich weiß jetzt wie es ist, ohne Besitz und immer als Gast durch die Welt zu gehen."

Auf den letzten Metern seiner Reise, helfen dem Heimkehrer seine Mitreisenden. Sie bilden mit ihren dicken Wanderstöcken eine Treppe, über die Denfeld abermals das Ortsschild erklimmt. Oben angekommen, trinkt er eine Flasche Bier und lässt sich dann auf der anderen Seite in die Arme der Gesellen fallen. Nachdem auch die Whiskeyflasche wiedergefunden und geleert ist, geht die Feier los: Johannes Denfeld ist daheim.

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