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Hochschulen: Studieren im Gewächshaus

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Von: Anna Laura Müller

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Das alte Weinfass von Studenten für Studenten, vom ASTA Geisenheim 2015 aufgestellt, Dennis Zimmerstädt (ASTA Vorstand), Carola Arens (ASTA) trinken ein Glas Wein, Foto: Michael Schick,
Das alte Weinfass von Studenten für Studenten, vom ASTA Geisenheim 2015 aufgestellt, Dennis Zimmerstädt (ASTA Vorstand), Carola Arens (ASTA) trinken ein Glas Wein, Foto: Michael Schick, © Michael Schick

Seit 150 Jahren wird in Geisenheim Weinbau gelehrt / Zum Jubiläum präsentiert sich die Hochschule als ein Lehr- und Forschungsort, der sich längst nicht mehr nur um die Trauben dreht

Die Blätter der Weihnachtssterne sind noch überwiegend grün, aber das typische Rot ist schon an einzelnen Stellen zu erkennen. Gut geschützt unter dem Dach des Gewächshauses sind mehrere lange Bahnen vollgestellt mit den Pflanzen, die zur Vorweihnachtszeit in vielen Wohnzimmern, Jahr für Jahr aufs Neue, zu Deko-Zwecken eingesetzt werden. Doch diese hier sind für Forschungszwecke gedacht. Professor Heiko Mibus-Schoppe, Leiter des Instituts für urbanen Gartenbau und Pflanzenverwendung an der Hochschule Geisenheim, erklärt gerade den neu eingetroffenen Masterstudierenden, was sie im kommenden Semester erwarten wird. Nachhaltige Weihnachtssterne werden sie untersuchen und ihr Wachstum je nach Belichtung dokumentieren und erforschen. Es ist Semesterstart an der Hochschule im Rheingau-Taunus Kreis, an der unter anderem Studiengänge wie Garten- und Weinbau, Getränketechnologie und Landschaftsarchitektur angeboten werden.

Der Lehr- und Forschungsstandort, der 1872 als königlich preußische Lehranstalt für Obst- und Weinbau gegründet wurde, ist im kürzlich gestarteten Wintersemester 150 Jahre alt geworden. Die Atmosphäre auf dem Campus ist familiärer als es an den meisten anderen Hochschulen der Fall ist. Die Backsteinhäuser im Zentrum des Hauptcampus, in denen teilweise Verwaltungsgebäude, aber auch Seminarräume untergebracht sind, und der angrenzende Park strahlen etwas Heimeliges aus. Bei Gründung der Lehranstalt waren diese Gebäude noch außerhalb des Ortes Geisenheim gelegen, mittlerweile sind das Städtchen und die Hochschule zusammengewachsen. Seine eigene kleine Welt hat sich der Lehr- und Forschungsort hier aufgebaut, in der die Praxis auf dem Feld, am Weinberg, im Gewächshaus und im Labor nur wenige Gehminuten von den Hörsälen entfernt stattfinden kann.

Die Gewächshäuser, in denen neben Zierpflanzen wie den Weihnachtssternen auch Nutzpflanzen wie Tomatenstauden gezüchtet und erforscht werden, sind ein solcher Ort der Praxis. Drei Stunden pro Woche können die Erstsemester im Aufbaustudium hier „hands-on“ (engl. etwa: „im direkten Kontakt“) an den Pflanzen forschen, wie es Dozent Mibus-Schoppe bezeichnet.

Unter diesen Studierenden ist auch Julia Metzger, die zwar erst vor zwei Wochen nach Geisenheim kam, sich aber schon gut aufgenommen fühlt. „Wir hatten gestern die Erstie-Rallye, und da sprechen dich eigentlich alle sofort an und sind interessiert. Das ist schon was Besonderes“, sagt die junge Frau. Sie habe davor in Berlin studiert, und da sei es ganz anders gewesen. Dort wäre der praktische Teil nicht in der gleichen Art möglich gewesen, und Exkursionen seien wegen Corona größtenteils ausgefallen. Ihre Kommilitonin Franziska Mackle kommt nicht aus der Großstadt, sondern wohnte bis vor kurzem auf einem Hof. Sie habe sich Geisenheim gezielt wegen der ländlichen Lage ausgesucht. In der Stadt, glaubt sie, würde sie sich gar nicht wohlfühlen.

In Gewächshäusern auf einer Fläche von 8471 Quadratmetern und auf über 55 Hektar Freiflächen, auf denen Weinbau und Rebenzüchtung betrieben wird, Gemüse angebaut, Obstbäume wachsen und Parks gepflegt werden, können Studierende ihre praktischen Erfahrungen sammeln. Aber auch im Labor werden die Techniken vermittelt, die man beispielsweise für die Analyse von Pflanzen und Lebensmitteln braucht. „Die Praxiserfahrung ist essenziell für unsere Studierenden, nicht nur hier auf unserem Gelände, sondern auch bei externen Praktika. Wir möchten damit sicherstellen, dass sie nach dem Abschluss in der Lage sind, Betriebe gut zu leiten“, sagt Hochschulpräsident Hans Reiner Schultz.

Die Hochschule soll durch Forschung und Lehre einen Beitrag für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft leisten. Schultz ist überzeugt davon, dass eine Wende in Sachen Nachhaltigkeit nur möglich ist, wenn die Strategien nicht „von oben herab“ kommen, sondern Teil der Ausbildung derer sind, die später in die Betriebe oder in die Forschung gehen. „Nur so können wir das Bewusstsein dafür stärken – von Anfang an“, so Schultz, der selbst Weinbau studierte und seit 2009 zunächst Direktor der Forschungsanstalt Geisenheim war, aus der 2013 die Hochschule Geisenheim hervorging. Außerdem glaube er nicht daran, dass sie als Institution die Herausforderung des Klimawandels und die damit verbundenen veränderten Bedingungen für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie im Alleingang lösen könnte.

Bei dem, was sie leisten könnten, gehe es nicht nur um Lehrinhalte, sondern auch um den Umgang mit nachhaltigen Prozessen in der Forschung und im Campusleben selbst. Es müsse dann aber vor allem auch nach außen dringen, was sie hier erarbeiteten. „Einen Anstoß können wir geben, aber der muss auch angenommen werden“, stellt er fest. 150 Jahre Standort bedeutet auch, dass sich der Campus stetig weiter entwickelt und das auch muss. Neue Studiengänge erfordern immer wieder neue Infrastruktur. 2008 wurde ein neues Laborgebäude gebaut, in dem seither auf der einen Seite Lehre stattfindet und auf der anderen geforscht wird.

Hier entstehen beispielsweise Weinhefestämme in der sogenannten Geisenheimer Hefezuchtstation. Drei Jahre könne es dauern, bis ein solch neuer Hefestamm entwickelt ist, erzählt Jürgen Wendland, Professor für Mikrobiologie und Biochemie, der gerade an einer neuen Züchtung forscht. Während er über ein Mikroskop gebeugt weiter tüftelt, sind draußen ein paar Meter weiter Bauarbeiten im vollen Gange. Mehrere neue Gebäude werden gerade im Zuge eines Masterplans für Campusentwicklung gebaut, weswegen die Gründerstatue von Eduard von Lade, die eigentlich einen prominenten Platz im Zentrum des Campus innehat, ausgerechnet im Jubiläumsjahr den Baggern weichen musste.

Jetzt ist das Abbild des Gründers vorübergehend im Unikeller untergebracht. Der ist nicht etwa ein staubiger Ort zum Verstauen von leeren Weinfässern oder Aktenbergen, sondern ein hochschuleigener Veranstaltungsort im ältesten Gebäude der Lehranstalt, dem Müller-Thurgau-Haus. Benannt nach der hier erstmals gezüchteten Rebsorte, ist die Statue wohl auch dort erst einmal geschichtsträchtig untergebracht.

Zurück im heutigen Hochschulbetrieb ist Carola Arens, Teil des AStA Teams der Hochschule. Sie ist froh, dass sie sich für ein Studium in Geisenheim entschieden hat. „Hier ist man nicht nur eine Nummer“, berichtet die 24-Jährige. Sie studiert Lebensmittelsicherheit im fünften Semester, und ihr gefällt das Kleine und Gemütliche am Campus. Ihr Studiengang besteht aus unter 20 Studierenden. „Wir möchten immer erreichen, dass sich auch die Neuen schnell wohl fühlen“, fügt Dennis Zimmerstädt hinzu. Er studiert Gartenbau und ist als Vorstand des AStA aktiv daran beteiligt, die Neuankömmlinge willkommen zu heißen. „Dafür haben wir auch unser altes Weinfass“, erklärt er. Der kleine Ausschank direkt aus einem Weinfass heraus wird einmal pro Woche zum Treffpunkt auf dem Campus für alte und neue Studierende, aber auch für die Mitarbeitenden der Hochschule.

Ob man denn hier Wein mögen muss, um dazuzugehören? „Auf keinen Fall“, antworten die zwei Studierenden wie aus einem Mund. Man könne aber durchaus auf den Geschmack kommen. „Ich selbst war immer eher Biertrinker, aber hier bekommt man ja Tipps von den Profis“, sagt Zimmerstädt und stößt mit seiner AStA-Kollegin auf die 150 Jahre Hochschule Geisenheim an. Erstmal mit einem süßen Wein, denn an die trockenen muss er sich noch rantasten.

DIE GEISENHEIMER FACE-EXPERIMENTE: EIN AUSBLICK IN UNSERE ATMOSPHÄRISCHE ZUKUNFT. Foto: Michael Schick.
DIE GEISENHEIMER FACE-EXPERIMENTE: EIN AUSBLICK IN UNSERE ATMOSPHÄRISCHE ZUKUNFT. Foto: Michael Schick. © Michael Schick

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