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Das ländliche Idyll des Kirtorfer Stadtteils Ober-Gleen wurde zuletzt durch Hausdurchsuchungen bei zwei Polizisten gestört.

Polizeiskandal

Gibt es eine Verbindung zum Netzwerk der früheren Neonazi-Kameradschaft?

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Zwei Polizisten aus Kirtorf im Vogelsberg sind mit rechten Parolen aufgefallen. Gibt es eine Verbindung zum Netzwerk der früheren Neonazi-Kameradschaft „Berserker Kirtorf“?

Das Schild fällt auf, wenn man den Innenhof des Anwesens betritt. Es hängt an einer alten Holztür, die an einem Baum lehnt. „Willkommen“ steht darauf. Doch auf die Klingel reagieren zunächst nur bellende Hunde, ansonsten rührt sich nichts in dem Fachwerkgehöft.

Dann öffnet der Bewohner, ein großer Mann im hellblauen Kapuzenpullover, doch noch die Tür. Reden will der 44-Jährige nicht. „Kein Kommentar.“ Er könne sich nicht äußern, er bitte um Verständnis. „Vielleicht, wenn das alles hier mal vorbei ist.“

Dass der Polizist aus Ober-Gleen, einem Stadtteil von Kirtorf im Vogelsberg, nicht mit der Presse sprechen will, ist kaum überraschend: Er und sein 35-jähriger Bruder, ebenfalls Polizist, der ein paar Straßen weiter wohnt, stehen seit Wochen in der Öffentlichkeit. Bundesweit wird über die Hintergründe der Ermittlungen spekuliert, die gegen die beiden Brüder laufen. Es geht um eine heikle Frage: Hat die hessische Polizei ein Problem mit Rechtsextremen in den eigenen Reihen?

Begonnen hatte die Aufregung in Frankfurt. Im Dezember flog dort im ersten Polizeirevier eine Gruppe von sechs Polizisten auf, die sich in einem Chat rechtsextreme Nachrichten geschickt haben sollen. Weil an einem Computer des ersten Reviers der Melderegistereintrag der Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz abgerufen wurde, ist denkbar, dass die Beamten mit den Morddrohungen zu tun haben, die Basay-Yildiz seit Monaten erhält. Die Polizisten, von denen einer ebenfalls in Kirtorf wohnt, sind inzwischen vom Dienst suspendiert. Im Rahmen des Skandals wurden weitere, teils ältere Fälle bekannt, bei denen hessische Polizisten mit rechten Umtrieben aufgefallen sind.

So wie in Kirtorf. Im November 2017 sollen sich die beiden Brüder aus Ober-Gleen auf einer Kirmes im Nachbarort rechtsextrem geäußert haben. Im vergangenen Dezember wurde im Rahmen eines Disziplinarverfahrens das Anwesen des älteren Bruders durchsucht. Und die Ermittler wurden fündig: Sie stießen nicht nur auf Waffen und Munition, sondern auch auf „ein museal eingerichtetes Zimmer mit diversen NS-Devotionalien“, wie es die Staatsanwaltschaft nüchtern beschreibt. Neben Wehrmachts- und SS-Uniformen fanden sie auf dem Handy des 44-Jährigen Hinweise, dass er Nachrichten mit Hakenkreuzen verschickt haben soll.

Gegen ihn wird jetzt ermittelt, unter anderem wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Mitte Januar gab es eine zweite Razzia, diesmal bei beiden Brüdern. Auch dem Jüngeren wird vorgeworfen, volksverhetzende Nachrichten verschickt zu haben, beide sind suspendiert. Mittlerweile wird in dem „Kirmes-Fall“ noch gegen drei weitere Polizisten ermittelt. Laut hessischem Innenministerium soll es keinen Bezug zu dem Frankfurter Fall geben.

Vermutlich wäre die Aufregung um die Brüder kleiner, wenn es den Frankfurter Polizeiskandal nicht gäbe. Und wenn Kirtorf keine Vorgeschichte hätte. Anfang der 2000er Jahre war hier, in der 3000-Einwohner-Gemeinde zwischen sanften Hügeln, Äckern und Fachwerkhäusern, die Neonazi-Kameradschaft „Berserker Kirtorf“ aktiv. Und im Jahr 2004 machte der Journalist Thomas Kuban Kirtorf mit einem Schlag bundesweit bekannt.

Kuban hatte sich mit versteckter Kamera in die Rechtsrock-Szene eingeschlichen und auch einen Abend in Kirtorf gefilmt, auf dem Hof von Bertram Köhler, auf dem die „Berserker“ damals mit Neonazis aus der ganzen Republik zu feiern pflegten. Die Szenen wirken bis heute gespenstisch: Eine Band stimmt ein Lied an, Neonazis recken den Arm zum Hitlergruß und grölen mit: „Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib! Blut muss fließen, knüppelhageldick! Und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik!“

Man merkt Ulrich Künz an, dass er in den letzten 15 Jahren oft über diese Dinge sprechen musste. Der CDU-Politiker, seit 1977 Bürgermeister von Kirtorf, sitzt in seinem holzvertäfelten Dienstzimmer, an der Wand hängt ein Bild von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. „Kirtorf ist eine liebenswerte, eine sehr demokratisch geprägte Stadt“, sagt Künz. Mit dem 2004 gegründeten Bündnis gegen Rechtsextremismus habe man die „Berserker“ erfolgreich bekämpft. Heute gebe es Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus, die alte Synagoge in Ober-Gleen sei restauriert worden, im Stadtparlament herrsche demokratische Streitkultur. Und wenn es darum gehe, den ländlichen Raum zukunftsfähig zu machen, „da stehen wir ganz vorne“.

Er finde es deshalb schlimm, „dass die Gemeinde jetzt wieder in so ein schlechtes Licht getaucht wird“, sagt Künz. Zumal die Geschichte aufgebauscht werde: Die unter Verdacht geratenen Brüder seien „nette Burschen, sympathisch, sehr integriert in Vereinen und Verbänden“. Historische Gegenstände sammelten doch viele. Und die rechten Äußerungen auf der Kirmes? „Sie wissen doch, wie es ist“, sagt Künz. „Kirmes, besoffener Kopf, und da wird dann was formuliert.“

Andreas Fey sieht das anders. Fey, Mitglied der SPD und des Bündnisses gegen Rechtsextremismus, selbst Bundespolizist, wurde im Dezember als Nachfolger von Künz gewählt. Ab April wird er Bürgermeister von Kirtorf sein. Polizisten müssten auf die Verfassung schwören und die Grundrechte schützen, sagt Fey. Kollegen mit rechter Gesinnung seien „nicht tragbar“. Man müsse den Fall daher genau aufklären. Aber auch Fey betont: Kirtorf habe heute kein Problem mehr mit rechten Strukturen, Kirtorf sei eine „vielfältige Stadt“.

Tatsächlich ist es um die „Berserker“ ruhig geworden. Aber einige der Akteure gibt es noch. Glenn E., damals Kopf der Kameradschaft, lebt bis heute in der Region. Auf Facebook präsentiert er seine vier Kinder, dabei trägt er ein T-Shirt einer unter Neonazis beliebten Marke. Und auch Bertram Köhler lebt noch auf seinem Hof, dort, wo Neonazis 2004 offen von langen Messern und Judenblut sangen. Man habe damals hier „gut gefeiert“, sagt Köhler, der keine Berührungsängste gegenüber Journalisten hat. In den letzten Jahren habe sein Leben sich vor allem um seine Kinder gedreht, doch jetzt sei er Rentner und habe wieder Zeit. „Und jetzt bin ich für die rechte Szene wieder aktiv.“

Kurz vor Weihnachten hat Köhler eine erste „Sonnenwendfeier“ auf seinem Hof abgehalten, etliche alte Kameraden aus der militanten Neonazi-Szene wurden von der Polizei daran gehindert, teilzunehmen.

Er sehe sich nicht als rechtsradikal, sagt Köhler „Ich will nur, was die NPD will. Recht auf Arbeit und Pflicht zur Arbeit, und dass alles ein bisschen sozialistischer wird.“ Diesen Sozialismus stelle er sich national vor, sagt Köhler auf Nachfrage, Ausländer dürften keine mehr ins Land. Mit der NS-Diktatur habe er nichts am Hut. Aber: „Das Arbeitsprogramm von Adolf Hitler, das war gut.“ Die beiden Polizisten aus Ober-Gleen kenne er natürlich, bestätigt Köhler. „Es ist ja Dorf hier.“ Aber die hätten mit seinem Umfeld nie etwas zu tun gehabt.

Auf alte Verbindungen zwischen den „Berserkern“ und den beiden Brüdern gibt es keine Hinweise. Auch die meisten Nachbarn in Ober-Gleen betonen, dass die Polizisten nie als Rechte aufgefallen seien. Es gibt aber auch Augenzeugen, die berichten, dass vor dem Anwesen des Älteren bei Spielen der Fußball-Nationalmannschaft die schwarz-weiß-rote Fahne des deutschen Reiches geweht habe. Und wer sich die Facebook-Profile der Polizisten ansieht, bekommt noch einen anderen Eindruck: Der Jüngere hat Glenn E., dem früheren Kopf der „Berserker“, in dem Netzwerk regelmäßig zum Geburtstag gratuliert. Der Ältere klickt öfter bei AfD-Propaganda auf „gefällt mir“ – und bei Einträgen einer obskuren Seite, bei der die Tode von SS-Veteranen vermeldet werden und ein früherer SS-Mann als „alter Kamerad“ bezeichnet wird.

Ein letzter Kontaktversuch. Das Haus des jüngeren Polizisten ist in den Hang hineingebaut. Auf das Türklingeln kommen beide Brüder auf die Straße, erregt und nervös. Er wolle nicht mehr von der Presse belästigt werden, ruft der Jüngere. „Ich kann nicht mehr, ich bin weder Neonazi noch Reichsbürger, eher im Gegenteil.“ Der Ältere bittet fast flehentlich darum, seine Familie in Ruhe zu lassen. Man sehe doch, wie angegriffen sein Bruder sei. Es sei übel, wie mit ihnen umgegangen werde, sagt er noch. Sein jüngerer Bruder pflichtet ihm bei. „Hier werden Menschenrechte mit Füßen getreten.“ 

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