Hanau

Hilfe für traumatisierte Kinder

  • schließen

Traumapädagogen aus Hanau bilden in Nordsyrien Lehrer im Umgang mit Kriegskindern fort.

Die Kinder von Rojava ringen mit unfassbaren Erlebnissen: Viele Väter wurden im Krieg hingerichtet, Mütter, die überlebt haben, von der Familie verstoßen, weil sie keinen Mann mehr haben. 14 Witwen leben mit 44 Kindern nun in einem Containerdorf. Um sie herum fast nichts als Zerstörung. Manchmal, wenn die dunklen Gedanken wieder hochkommen, an die Schüsse und das Blut, fangen die Mädchen und Jungen an zu zittern und zu wimmern.

Die Sozialarbeiter Heike Karau und Thomas Lutz, Referenten des Hanauer Zentrums für Traumapädagogik, tragen dazu bei, dass die Kinder in der Demokratischen Förderation Nordsyrien zurück ins Leben finden und ihre Erfahrungen verarbeiten können. Im Juni waren sie für gut eine Woche in den Städten Qamischlo und Kobane in der Region Rojava (Westkurdistan), wo die Auseinandersetzungen mit dem IS viele Opfer forderten, und haben Lehrer im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen fortgebildet. Ein wichtiges Ziel: Den Betroffenen helfen, „die Kontrolle über das Stresssyndrom zu gewinnen“, sagt Lutz. Sie sollten wieder lernen, ihren Körper zu spüren, seine Zeichen zu deuten und, wenn nötig, gegenzusteuern, erklärt Karau.

„Wir haben offene Türen eingerannt“, so Lutz. Als sie, unterstützt von Dolmetschern, den Lehrkräften die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung erläutert hätten, erinnert sich Karau, sei der Tenor der Zuhörer gewesen: „Das alles beobachten wir bei den Kindern – und bei uns selbst auch.“

Die Zusammenarbeit war über politische Kontakte und die Stiftung der Freien Frau in Rojava zustande gekommen, die besonders die Lebensbedingungen von Frauen und Kindern verbessern will und sich für Gleichberechtigung und Bildung starkmacht.

Das Zentrum für Traumapädagogik besteht seit zehn Jahren und hat einen Fokus: „Was brauchen Kinder und Jugendliche, die Schweres erlebt haben? Und wie können Pädagogen ihnen helfen?“, so Karau. Die Experten waren bereits europaweit im Einsatz. An der Fortbildung in Nordsyrien nahmen zwei Lehrergruppen teil. Neben den Grundlagen der Traumapädagogik – etwa, was mit Körper und Seele passiert, wenn Menschen immer wieder Extremsituationen durchleben müssen – vermittelten Lutz und Karau einfache Übungen, die die Lehrer mit den Kindern machen können: Zum Beispiel Gefühle pantomimisch darstellen oder auf einem Stressbarometer verorten, in welchem Bereich man sich befindet, und überlegen, wie man darauf reagieren kann. Oder Koordinationsübungen für Hände und Finger, die das Hirn fordern – und den Konzentrationsschwierigkeiten der Kinder entgegenwirken.

Die Reise nach Nordsyrien soll keine einmalige Aktion gewesen sein, die Lehrer haben um weitere Unterstützung gebeten. Die Menschen dort müssen enorme Probleme bewältigen: „Es gibt von allem nichts“, sagt Thomas Lutz zugespitzt. Schulen und Häuser sind zerstört. Weil Krieg und Embargo Neubauprojekte verzögern, müssen teilweise etwa 40 Kinder in einem kleinen Container sitzen, dicht an dicht.

Doch es gebe auch eine ganze Reihe von hoffnungsvollen Entwicklungen, betont Lutz. In der Förderation sei ein basisdemokratisches System etabliert worden. In der Bildung werde nicht mehr, wie unter Assad, auf Drohungen und Schläge gesetzt, sondern auf Neugier und Interesse – was teilweise noch zu Autoritätsproblemen führe, weil manche Schüler sich an die neuen Freiräume noch gewöhnen müssten, berichteten Lehrer.

Lutz und Karau loben auch die Gleichberechtigung und den Elan der oftmals jungen Verantwortlichen: Die Traumapädagogen begegneten der Bildungsministerin und dem Bildungsminister, beide Anfang 30 und zusammen für das Gebiet verantwortlich. Die Hanauer hoffen, dass die Kinder von Rojava ihre Traumata verarbeiten können und appellieren: „Wir dürfen diese Region nicht im Stich lassen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare