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Die Odenwaldschule schloss im September 2015 – fünf Jahre, nachdem der Skandal ruchbar wurde.

Heppenheim

Hilfe für missbrauchte Schüler

Eine Stiftung zahlt 570.000 Euro an die Opfer der Odenwaldschule. Es gibt bis zu 900 Betroffene.

Hunderte Kinder und Jugendliche werden Opfer sexueller Gewalt. Mehrere Täter decken sich über Jahre gegenseitig in einem System der Vertuschung. Der Tatort: eine Schule. Die Geschichte der Grausamkeiten an der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim ist auch nach Jahren noch unfassbar. Und sie ist bei weitem kein Einzelfall, wie Missbrauchsskandale zum Beispiel in kirchlichen Einrichtungen zeigen.

Die ehemalige Eliteschule ist längst geschlossen, aber noch müssen die Traumatisierten unterstützt werden. Studien gehen von 500 bis 900 Opfern aus. Die Stiftung „Brücken bauen“ hat nach eigenen Angaben bislang 568 636 Euro für die Gewaltopfer bereitgestellt, mit Hilfe des Landes Hessen.

100 000 Euro hat das Land 2018 und 2019 der Stiftung bereitgestellt, nachdem diese nach dem Aus der Odenwaldschule im September 2015 finanziell in Schieflage geriet. „Das war ein einmalig vereinbarter Betrag auf freiwilliger Basis“, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. Eine weitere Vereinbarung gebe es zunächst nicht. Die Aufarbeitung werde aber wohl noch länger dauern. „Wenn es im Spätherbst noch weiteren Bedarf geben sollte, werden wir die Gespräche mit unseren Geldgebern wieder aufnehmen“, teilte Ulrich Kühnhold von der Stiftung mit. Für dieses Jahr stünden noch ausreichend Finanzmittel zur Verfügung, um alle Anträge erfüllen zu können.

Mindestens fünf Haupttäter

In seiner neuen Studie „Tatort Odenwaldschule“ beschreibt der Wissenschaftler Jens Brachmann noch einmal die ganze Dimension des Verbrechens. Neben dem früheren Schulleiter Gerold Becker, der sich als Intensivtäter bis Mitte der 80er Jahre mutmaßlich an mehr als 100 Kindern und Jugendlichen vergangen hat, habe es mindestens vier weitere Haupttäter gegeben. „Darüber hinaus waren die Grenzen zwischen passiver Tatunterstützung und aktiver Täterschaft bei weiteren circa zwei Dutzend pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Schule fließend.“ Darunter seien auch Frauen gewesen. Das Missbrauchssystem an der Schule habe nach und nach alle Hierarchieebenen durchdrungen.

Bekanntgewordene Übergriffe seien verschwiegen und nicht zum Anlass genommen worden, um zutage getretene Defizite zu beheben. Lehrer und auch der frühere Schulleiter seien Pädophile und unzureichend qualifiziert gewesen.

Ergebnisse von Brachmanns jetzt veröffentlichter und einer weiteren Studie waren im Februar schon vorgestellt worden. Sie waren 2014 vom damaligen Trägerverein der Odenwaldschule und dem Zusammenschluss der Betroffenen, Glasbrechen e. V., in Auftrag gegeben worden.

Über Jahre vertuschter sexueller Missbrauch

2010 kam der über Jahre vertuschte sexuelle Missbrauch an dem Eliteinternat, an dem Prominente wie der Politiker Daniel Cohn-Bendit (Grüne) oder der Schriftsteller Klaus Mann zur Schule gingen, ans Licht. Nach und nach wurden immer mehr Details bekannt. Die Odenwaldschule musste schließlich Insolvenz anmelden, und der Schulbetrieb wurde nach über 100 Jahren im September 2015 eingestellt.

Das Gelände gehört heute der Mannheimer Unternehmerfamilie Schaller. „Ziel war es, den vorhandenen Gebäudebestand bis Ende kommenden Jahres zu renovieren“, sagt Dieter Schaller. Hinter diesem Zeitplan liege man augenblicklich ein halbes Jahr zurück.

Plan ist ein Wohn- und Ferienpark auf dem Areal der früheren Odenwaldschule. „Was uns zurückwirft, sind umständliche und langwierige Genehmigungsverfahren vom Bauamt und der Denkmalschutzbehörde“, sagt der Unternehmer. Fünf Gebäude für Mieter und 14 Ferienwohnungen seien allerdings schon fertig. (dpa)

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