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Hilfe für Geflüchtete: Unverzichtbare Freiwillige

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Von: Timur Tinç, Gregor Haschnik

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Zwei Helferinnen in der Hanauer Versorgungshalle für Geflüchtete aus der Ukraine.
Zwei Helferinnen in der Hanauer Versorgungshalle für Geflüchtete aus der Ukraine. © IMAGO/Patrick Scheiber

Ehrenamtliche spielen bei der Aufnahme Geflüchteter aus der Ukraine eine entscheidende Rolle. Doch sie kommen an ihre Grenzen und fordern, ebenso wie Fachleute, bessere staatliche Hilfsstrukturen.

Anna Astratini engagiert sich in der Hilfegruppe „Nebenan.de“. Vor knapp drei Wochen wurde in der Frankfurter Gruppe geteilt, dass die Geflüchteten aus der Ukraine in einigen Hotels, wo sie untergebracht sind, nichts zu essen bekommen würden. „Wir haben als erstes Geld gesammelt und davon Lebensmittel gekauft und in die Hotels gebracht“, berichtet Astratini, die in einer Bank arbeitet. Schnell wurde eine Liste von elf Hotels erstellt – mit der Anzahl der Menschen, ob sie dort kochen können oder nicht, und was dementsprechend gebraucht wird. Frische Lebensmittel, Konserven, Babynahrung oder Elektronik. Für jedes Hotel gibt es Ansprechpartner:innen.

Einer davon ist Robert Cseboratov, der selbst aus der Ukraine stammt. Die Versorgung sei besser geworden, „aber wir sammeln immer noch Lebensmittel und kaufen welche“, sagt Csebotarov. Von Foodsharing Frankfurt, Round Table bekämen sie Spenden. Zudem gibt es eine Liste von Restaurants und Bistros, die kostenloses Essen anbieten. Im Oeder Weg 79 ist ein Kiosk eingerichtet worden, wo mittwochs (17 bis 20 Uhr) und samstags (15 bis 19 Uhr) Spenden angenommen und dann verteilt werden.

Die Probleme bei der Lebensmittelversorgung und die Art, wie sie derzeit angegangen werden, machen deutlich, welch entscheidende Rolle Freiwillige bei der Aufnahme Geflüchteter spielen. Und dass sie oft für den Staat einspringen müssen.

Das zeigte sich in Schöneck im Main-Kinzig-Kreis und vielen anderen hessischen Kommunen bereits vor dem Krieg in der Ukraine. Der Schönecker Arbeitskreis (AK) Asyl hat in den vergangenen Jahren vielen geflüchteten Familien und Alleinstehenden geholfen, in Deutschland anzukommen. 60 bis 70 Leute setzten sich im AK ein. Bis vor kurzem war jedoch lediglich noch ein „harter Kern“ aktiv. Die Gründe für den Rückzug einer ganzen Reihe von Freiwilligen, neben der Corona-Pandemie: Überlastung, Frust über gesetzliche Hürden wie die Wohnsitzauflage, die zum Teil verhinderte, dass Geflüchtete einen Job annehmen konnten. Über nicht nachvollziehbare Entscheidungen der Kreisausländerbehörde und die personelle Ausstattung im Hauptamt. Die beiden für Flüchtlingsbetreuung zuständigen Gemeindemitarbeiterinnen leisteten gute Arbeit, bräuchten aber dringend Unterstützung, vor allem, seitdem 2021 wieder viele Menschen aus Afghanistan flüchten mussten, so der Tenor. Auch in überörtlichen Behörden brauche es mehr Personal.

Derzeit leben in Schöneck etwa 200 Geflüchtete, und rund 50 Schutzsuchende aus der Ukraine sind ausschließlich in privaten Wohnungen untergebracht. Anders wäre es gar nicht möglich gewesen, sagt Bürgermeisterin Cornelia Rück (SPD) und fügt hinzu: „Wir sind unendlich dankbar.“ Aktuell setzen sich wieder deutlich mehr Freiwillige in der Flüchtlingshilfe ein, auch das „Sozialforum Schöneck“, eine Initiative der evangelischen Kirche und der Gemeinde, macht mit Bürger:innen Hilfsangebote. „Ohne Ehrenamtliche geht es nicht“, so Rück. Gleichzeitig werde erwogen, die hauptamtlichen Kräfte aufzustocken. Die Aufgaben seien schon vor dem Ukraine-Krieg zahlreich gewesen. Die Personallage sei aber eine Frage der finanziellen Ressourcen; Bund und Land müssten Kommunen spürbar besser ausstatten.

Zunächst einmal sei wichtig, dass sich die Ankommenden umgehend registrieren ließen, dann könnten sie Hilfen beantragen, betont Michael Hofmeister vom Hessischen Städtetag. Für die Ehrenamtlichen seien Koordinationsstellen notwendig. Eine größere Zahl an Hauptamtlichen für Geflüchtete könnten Kommunen nicht dauerhaft bereithalten, weil sie verpflichtet seien, sparsam zu haushalten. Im Notfall müsse Personal aus anderen Bereichen abgezogen werden. Der kommunale Spitzenverband appelliert an den Bund, sich stärker an Integrationskosten zu beteiligen.

Timmo Scherenberg, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrates, sagt, es sei gut und wichtig, dass sich so viele Ehrenamtliche engagierten. Gerade jetzt, wenn der Staat an seine Grenzen gerate, weil in kurzer Zeit viele Schutzsuchende kommen. Allerdings brauche es genügend hauptamtliche Kräfte und Koordination, etwa bei der Vermittlung von Unterkünften. Die Kommunen müssten sich zum Beispiel die Wohnverhältnisse anschauen, auch um die Geflüchteten, wenn nötig, zu schützen.

Darüber hinaus sei entscheidend, dass der Staat von Anfang an auf Integration setze und nicht auf Abschiebung und Bürokratie, so Scherenberg, bei Gesetzen und bei ihrer Umsetzung in den Behörden vor Ort – was auch den Freiwilligen sehr helfen würde. Bei ukrainischen Geflüchteten gebe es bereits ein paar Verbesserungen, etwa im Hinblick auf die Freizügigkeit. „Dinge, die angeblich unmöglich waren, sind plötzlich kein großes Problem.“ Alle Geflüchteten, egal woher, sollten von solchen Fortschritten profitieren, fordert Scherenberg. Jetzt sei wieder eine gute Gelegenheit, bessere, nachhaltige Strukturen zu schaffen. Auch 2015 und 2016 hofften der Flüchtlingsrat und erfahrene Helfer auf ein Umdenken – vergeblich.

Ein Problem sei der Mangel an professioneller Beratung für Geflüchtete. Anders als andere Bundesländer fördert Hessen keine regionalen Anlaufstellen. Der Flüchtlingsrat und der Paritätische Wohlfahrtsverband Hessen fordern die Landesregierung auf, hier umzudenken und für ein flächendeckendes Angebot zu sorgen.

In Frankfurt gehört in diesen Tagen die Versorgung in Hotels zu den drängenden Problemen. Thanh Lan Nguyen-Gatti ist Rechtsanwältin in Frankfurt und hat mit einer Freundin frische Lebensmittel in zwei Hotels gebracht. „Unterkunft und Verpflegung müssen gewährleistet sein. Dass man abhängig von privaten Spenden ist, hat mich verblüfft.“

Boris Schulman kennt das Problem. Er ist Schriftführer beim TuS Makkabi Frankfurt und hat seit Ausbruch des Krieges über 400 Menschen untergebracht. In den Hotels, wo Makkabäer aus der Ukraine untergekommen sind, hätten die Hotels sich mit einem wohltätigen Träger darauf geeinigt, die Verpflegung zu übernehmen. „Ich weiß, dass in vielen kleineren Hotels die Verpflegung nicht gesichert ist. Das kann man den Hoteliers aber nicht vorwerfen“, sagt Schulman. Die kämen gerade erst aus der Corona-Krise und hätten die Zimmer auf Spendenbasis bereit gestellt. „Die Stadt muss mit den Hoteliers eine Einigung finden oder den Menschen selbst das Geld für die Verpflegung geben“, meint Schulman.

Elke Voitl (Grüne), Sozialdezernentin der Stadt Frankfurt, will das differenziert betrachten. „Es gibt Geflüchtete, die sind in Hotels, mit denen wir einen Betreibervertrag haben.“ Da seien Mitarbeitende der Stadt, und da sei vom Essen über die Beratung alles organisiert. „Dann gibt es rund 25 Hotels über die gesamte Stadt verteilt, die alle auf eigene Faust Menschen aufgenommen haben“, sagt Voitl. Manchmal seien das auch nur zwei Zimmer. Einige Hotels entsprächen auch nicht den Standards der Stadt. Es gäbe nicht überall Kochmöglichkeiten. „Wir halten es auch nach wie vor für sehr problematisch, Frauen und Kinder im Bahnhofsviertel unterzubringen“, so die Stadträtin. Da könne nicht mit jedem einzelnen ein Betreibervertrag geschlossen werden. Die Stadt hat Preise festgelegt: maximal 40 bis 55 Euro für ein Zimmer und zehn Euro für jede weitere Person. Als Essenspauschale gebe es zwischen sieben und zehn Euro, falls die Hotels die Menschen mit Essen versorgen. „Wir zahlen sogar rückwirkend, ab dem Tag, an dem die Menschen eingezogen sind. Das ist aber sehr aufwendig und dauert“, erklärt Voitl.

Die Stadt bevorzugt es deshalb, ihre eigenen Kontingente zu füllen. Das läuft aktuell so: Die Menschen kommen zuerst in Notunterkünfte, wo sie rund um die Uhr betreut werden. Wenn neue Kontingente in Hotels dazu kommen, würden sie dort einen Platz bekommen, und im Unterschied zu den privaten Hotels finden die Menschen dort auch Betreuung und Beratung, so Voitl.

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