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Hilfe beim Austausch mit Leidensgenossen

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Von: Detlef Sundermann

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Letztmalig, der Kreativmarkt der Selbsthilfestelle Bürgeraktive - zumindest im alten Kurhaus.
Letztmalig, der Kreativmarkt der Selbsthilfestelle Bürgeraktive - zumindest im alten Kurhaus. © Rolf Oeser

Die Selbsthilfekontaktstelle Bürgeraktive wird 30 Jahre alt . Hohe Nachfrage herrscht bei den Gesprächskreisen Gesundheit.

Der große Kreativmarkt am vergangenen Wochenende im Kurhaus und der Veranstalter, die Selbsthilfekontaktstelle Bürgeraktive e.V., gehören seit drei Jahrzehnten zusammen. Beide tragen zur Begegnung bei. Der Verein ist auch das Dach für fast 30 Selbsthilfegruppen allein in der Sparte Gesundheit geworden. Darüber hinaus gibt es ebenso viele Gruppen, in denen das soziale Miteinander wie der „Morgenplausch“ und die Begegnung in besonderen Lebenslagen wie der „Gesprächskreis für Mädels 50+“ gefördert wird.

Auslöser für die Gründung der Bürgeraktive war die bittere Erkenntnis des 2013 verstorbenen Altbürgermeisters Günther Biwer, dass sich die Sozialstruktur und damit das gesellschaftliche Miteinander erheblich verändern. Er ließ 1983 erstmals in Hessen einen Sozialplan für eine ganze Stadt aufstellen. Die Bürgeraktive war ein Projekt, mit dem in der Kleinstadt die wachsende Entfremdung gebremst werden sollte.

„Mit einem Eltern-Kind-Treff, Kartenspielnachmittag und einer Achtsamkeitsgruppe fing es an“, sagt Silke Schöck, die mit Eva Raboldt die Bürgeraktive führt. Nach der Zulassung als Selbsthilfekontaktstelle seien Selbsthilfegruppen im Bereich Gesundheit hinzugekommen, der sich in chronischen Erkrankungen und Behinderungen, Suchterkrankung sowie psychische Probleme unterteilt. „Die Betroffenen kommen auf uns mit der Bitte zu, eine Gruppe zu gründen“, sagt Schöck. Aktuell steht wegen einiger Anfragen die Bildung eines Gesprächskreises für Schlaganfallpatienten an. Eine hohe Nachfrage bestehe bei den Gruppen für Menschen in psychisch schwieriger Situation. „Wir haben auffällig viele junge Leute, die sich von Schule, Studium oder Beruf überfordert fühlen, deshalb unter Ängsten, Depressionen leiden und denen ein Burn-Out droht“, so Schöck.

In den Selbsthilfegruppen, die einen geschlossen und vertrauensvollen Rahmen bilden, bleiben die Betroffenen zumeist unter sich, sie tauschen Erfahrungen, Tipps oder Adressen aus. „Immer wieder hören wir von Teilnehmern, dass sie in der Gruppen das Gehör finden, das sie beim Arzt oft vermissen“, so Schöck. Der Verein macht gleichwohl Neuteilnehmern deutlich, dass die Treffs eine Ergänzung, aber kein Ersatz für eine ärztliche Therapie seien. Während bei den Selbsthilfegruppe zu Krebs, Diabetes, Tinnitus oder Allergie der Betroffene der Betroffene ohne Beratungsgespräch vorbeischauen kann, gibt es dies bei den Gruppe für Menschen mit psychischen Problemen nicht. Diese Gruppen werden teilweise auch von den so genannten In-Gang-Setzern betreut, etwa wenn sich die Gruppendynamik ungünstig entwickelt, so dass alles auseinander zu brechen droht.

Seit 2015 gibt es die In-Gang-Setzer, qualifizierte Ehrenamtliche, die vor allem eine neue Gruppe am Anfang begleiten. „Die In-Gang-Setzer tragen zum Zusammenhalt der oft sehr unterschiedlichen Personen bei, das aus vielen Ichs ein Ich wird“, heißt es. Zurzeit gibt es sechs In-Gang-Setzer.

Der Verein zeigt sich bei gesundheitlichen Thema auch selbst aktiv und innovativ. Hierzu zählen etwa der Männergesundheitstag, den Lauf gegen Depressionen oder Fachvorträge, nach denen sich nicht selten Leidensgenossen zu einer neuen Gruppe zusammenfinden. Die Referate werden seit eineinhalb Jahren simultan von Gebärdendolmetscherinnen übersetzt. Seitdem kommen zehn bis zwölf Gehörlose zu den Vorträgen. Die Kosten werden aus der Projektförderung der Krankenkassen bestritten.

Die Bürgeraktive mit ihren zwei hauptamtlichen Vollzeitkräften und einer Teilzeitbeschäftigten wird von der Stadt und den Krankenkassen mit einem Pauschalbetrag finanziert. Auch die Mitgliedsbeiträge leisten einen Teil zur Kostendeckung, jedoch gibt es keine Mitgliedspflicht bei den Gesundheitsgruppen, um die Teilnahmehürde niedrig zuhalten.

Im September soll das Jubiläum groß gefeiert werden. Allerdings eher nicht im Kurhaus. Das wird dann schon umgebaut. Diese Perspektive hatte die Bürgeraktive zudem veranlasst, denn gewöhnlich im November laufenden Kreativmarkt in den April vorzuverlegen. Die Besucher nahmen auch diesen Termin sehr gut an.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.buergeraktive-bad-vilbel.de.

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