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Seltenes Fußgänger-Vergnügen: Die Theodor-Heuss-Brücke über den Rhein ist autofrei.

Mainz / Wiesbaden

Hauptschlagader pulsiert nur noch matt

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Nach wochenlangen Vorbereitungen und Diskussionen ist die wichtige Theodor-Heuss-Brücke über den Rhein zwischen Mainz und Wiesbaden für den Individualverkehr gesperrt worden.

Mit den Glockenschlägen der benachbarten Kirche um 12 Uhr mittags sind am Sonntag die Sperrgitter an der hessischen Grenze des Rheins in Mainz-Kastel aufgestellt worden. Der private Autoverkehr ist ab sofort ausgesperrt auf der Theodor-Heuss-Brücke. Da sind die Herren und Damen von der kommunalen Verkehrspolizei mit ihren gelben Westen gnadenlos. „Wer nicht durch darf, muss rigoros abgehalten werden“, sagt Projektleiterin Christine Geiler von der Abteilung Tiefbau im Wiesbadener Rathaus. Stephanie Engel, die Leiterin der Straßenverkehrsbehörde, nickt dazu, die Frauen sind auf einer Wellenlänge. „Größtes Augenmerk“, so Geiler, liege darauf, Staus zu vermeiden, den Verkehrsfluss so gut es eben geht, in Bewegung zu halten.

Brücken-Info

Die Theodor-Heuss-Brücke ist seit gestern für den privaten Autoverkehr gesperrt. Die Sperrung dauert voraussichtlich vier Wochen.

Die Busse der Mainzer und Wiesbadener Verkehrsgesellschaften dürfen – wie anderer öffentlicher Verkehr – weiter über die Brücke fahren.

Mit dem Brückenticket können Nutzer seit 8. Januar sechs Wochen Bus fahren, müssen aber nur für vier Wochen zahlen.

Per Rad und zu Fuß kann die Brücke ebenfalls weiter überquert werden. Dazu gibt es während der Sperrung ein Sonderangebot des ESWE-Fahrradvermietsystems mein-Rad.

Jeder hier weiß, dass es um die „Hauptschlagader“ in der Verbindung zwischen den beiden Landeshauptstädten Wiesbaden und Mainz geht. Dass hier „der Puls schlägt“ und die Ader für mindestens vier Wochen zu drei Viertel gekappt wird. So nennt es Marcel Heßling. Der junge Mann mit der orangefarbenen Jacke organisiert für eine Tochterfirma der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) den Aufbau von Straßensperren und Schranke am Brückenkopf mit den überdachten Bushaltestellen auf beiden Straßenseiten. Und die Verknappung der Ader durch eine Ampelanlage auf der Brücke, die den wechselseitigen Betrieb auf der einzig verbliebenen von sonst vier Spuren regelt. Busse dürfen durch, Taxis, Rettungsfahrzeuge natürlich, ansonsten nur zweirädrige Fahrzeuge.

Um kurz vor „High Noon“ melden Heßling und die vielen anderen Steuermänner und -frauen im Bereich der Brücke, dass alles bereit ist. Ein Kleinwagen mit Mainzer Kennzeichen wird der letzte sein, der die Brücke passiert, bevor der Schlagbaum fällt.

Aufatmen im kühlen Wind am Sonntagmorgen, es scheint alles zu klappen. „Es zieht wie Hechtsuppe“, sagt einer, die Schleusenwärter an der Straße werden ein wenig bemitleidet ob des Jobs, der auf sie wartet. Damit alles so läuft oder eben nicht läuft, wie es laufen soll, wird die Zufahrt auf die knapp 500 Meter lange Brücke rund um die Uhr an beiden Seiten mit Personal besetzt sein. Der Sonntag als Startpunkt für die Sperrung wurde gewählt, damit nicht gleich am ersten Tag das Chaos ausbricht. Obwohl die anstehende Baumaßnahme seit Wochen in allen Medien kommuniziert wird, überall im weiteren Umkreis große Schilder darauf aufmerksam machen.

Keine Wahl hatten die Planer indes bei der Jahreszeit für den notwendigen Austausch der so genannten Traversenlager an den Übergangskonstruktionen in den Pfeilerachsen. Nur wenn sich der Stahl durch die Kälte zusammenzieht, sind die Fugen in der Brückenkonstruktion breit genug, um die Lager auszuwechseln. Damit es möglichst schnell geht, sollen zwei Bautrupps parallel arbeiten, auch an den Wochenenden. Aus den 90er Jahren datiert die letzte Sanierung, weiß Projektleiterin Christine Geiler. Die Brücke nach den Plänen von Friedrich von Thiersch, die später zu Ehren des ehemaligen Bundespräsidenten umgetauft wurde, überspannt den Rhein an dieser Stelle seit 1885. Der TÜV hatte die Schäden im vergangenen Jahr festgestellt.

Zu Gemurre oder gar zu Protesten kommt es am Sonntag nicht. Nur ein paar Zuschauer lassen sich das Ereignis nicht entgehen. In der Mitte der Brücke, wo die Liebe von Birgit und Dirk, von Michele und Daniel und vielen anderen an den aufgehängten Schlössern schon rostet, ist der Fluss plötzlich zu hören. Das Schlagen leichter Wellen, wenn ein Schiff vorbeikommt, die Geräusche der Wasservögel. Ein Kurzzeit-Paradies für Jogger, Radler, Rollschuhfahrer und ungewohnt viele Fußgänger, die schon um kurz nach 12 Uhr auf der Brücke unterwegs sind.

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