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Insa (links, 10) geht in die 4b der Blücherschule in Wiesbaden, Martha (9) besucht die 4c. Auf Schulnoten können beide gut verzichten.

Wiesbaden

Hessisches Projekt: Nur keine Zeugnispanik in der Schule ohne Noten

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Die Blücherschule in Wiesbaden kommt sehr gut ohne Ziffernnoten aus. Mit ihrem Konzept ist die Ganztags-Grundschule sogar für den Deutschen Schulpreis nominiert.

Am Freitag war Zeugnisausgabe. Hessens Schülerinnen und Schüler haben ihre Noten schwarz auf weiß in Empfang genommen. Nicht so an der Blücherschule Wiesbaden. Dort gibt es gar keine Noten.

Dieser Tage ist besonders viel los. Es ist die Zeit der Lerngespräche. Kinder mit ihren Eltern an der Hand laufen über die Flure, kommen vom Treffen mit ihren Klassenlehrerinnen oder sind gerade auf dem Weg dorthin. Es ist ein eher freudiges Herumwuseln, von Notenstress oder Zeugnispanik ist nichts zu spüren - obwohl es in diesen Gesprächen sehr wohl auch darum geht: Was klappt im Unterricht und was nicht.

„Wir haben irgendwann gemerkt, dass Ziffernnoten uns nicht weiterhelfen“, sagt Schulleiterin Monika Frickhofen. Vor fünf Jahren wurden sie dann für alle vier Jahrgangsstufen abgeschafft. Zwar gibt es am Schuljahresende noch Zeugnisse, aber eben solche ohne Noten. Vor der Zeugnisausgabe und jeweils zum Schulhalbjahr treffen sich Schüler, Eltern und Lehrer stattdessen zum Gespräch. Von diesen Lerngesprächen, die jeweils rund 20 Minuten dauern, nehmen die Mütter oder Väter einen vierseitigen Bogen mit, auf dem ebenfalls keine einzige Ziffer steht.

Das bedeutet nicht, dass die Jungen und Mädchen und ihre Eltern nicht wüssten, wie gut sie in einem Fach sind. Eher im Gegenteil. „Eine Note sagt einfach zu wenig aus“, erläutert Meike Scholly, Klassenlehrerin der 1c.

An der Blücherschule gibt es beispielsweise statt einer Note 2 oder 3 in Deutsch eine ganze Liste von Bewertungen. Die Lehrerinnen kreuzen an, wie es mit der jeweiligen Kompetenz aussieht. Vier Stufen gibt es: Ein voller Kreis bedeutet „alles bestens“, ein halber oder nur viertel gefüllter Kreis zeigt, da ist Luft nach oben.

Da steht dann zum Beispiel: „Entwickelt eine eigene Meinung und kann sie in Diskussionen vertreten“. Oder „Schreibt in gut lesbarer Handschrift“ und „Drückt sich verständlich, genau und grammatikalisch richtig aus“ oder „Liest flüssig vor“.

Die 1c beim Deutschunterricht mit Lehrerin Meike Scholly. 

Entsprechend sieht es in den anderen Fächern wie Kunst oder Mathe aus. Für jede Jahrgangsstufe gibt es einen eigenen Bogen, der beschreibt, was in Klasse 1 bis 4 eben so gelernt sein soll. Außerdem vereinbaren Lehrer, Schüler und Eltern drei Ziele, die im nächsten Halbjahr erreicht werden sollen, und schreiben auch auf, wie diese erreicht werden können.

„Wir sollen unseren Schülerinnen und Schülern Kompetenzen vermitteln, dann müssen wir auch die einzelnen Kompetenzen bewerten“, erklärt Schulleiterin Frickhofen. Mit Noten sei das gar nicht zu machen.

Martha (9) aus der 4c findet das toll. „Die Gespräche sind super, man kriegt da keinen Ärger, sondern spricht einfach drüber, was gut ist uns was noch nicht“, erzählt sie. Angst haben müsse man davor jedenfalls nicht. Insa (10) aus der 4b hat bald den Termin mit „Frau Jäger“ und Mama. „Ich bin schon ein bisschen aufgeregt“, gibt sie zu, „aber ich freue mich auch drauf.“

Dass sie sich nicht so einfach mit anderen vergleichen können, stört die Kinder nicht. „Man kriegt ja seine eigene Bewertung und weiß dann, was man noch tun muss“, sagt Martha. Das sei am wichtigsten. „In den Klassen ist der Druck raus, niemand wird wegen schlechter Noten gehänselt oder gibt mit seinen Noten an“, sagt Meike Scholly. Fragen denn die Eltern nach einer Übersetzung in Noten? „Das kommt schon mitunter mal vor“, berichtet Wiete Lehmkühler, Klassenlehrerin der 4a. „Wenn man mit ihnen dann aber die jeweiligen Leistungen bespricht, wollen sie gar keine Ziffernote mehr wissen.“

Wofür auch? Selbst die weiterführenden Schulen, die die Kinder aus der Blücherschule aufnehmen, hätten mit den differenzierten Kompetenzbewertungen keine Probleme, berichtet Frickhofen. „Sie können sich mit unseren Angaben ja sogar ein viel besseres Bild von den Kindern machen, als wenn da nur Zahlen stünden.“ Auch Elternbeiratsvorsitzender Ulli Kinzler ist von der notenfreien Schule begeistert. „Es wird dort leistungsorientiert gearbeitet, es gibt sehr viel Förderung auch für Schwächere“, sagt er. Gerade auch, weil mit den differenzierten Bewertungen auf jeden Einzelnen eingegangen werde.

Jasma Boutaleb, deren Sohn Ilyas die 2c besucht, vermisst die Noten ebenfalls nicht. „Ich bin rundum zufrieden mit der Schule“, erzählt sie. Auch an den sonst oft berüchtigten Zeugnistagen gebe es bei ihnen zu Hause „keine Panik“. Die Rückmeldungen, die sie von der Schule bekomme, seien wichtig und hilfreich. „Ich weiß dann, was ich zu Hause noch tun kann“, sagt sie. „Wir sind jedenfalls alles andere als planlos.“

Gestern ging es an der Blücherschule noch turbulenter zu sonst. Die Jury des Deutschen Schulpreises kam ins Haus. Die Schule ist als eine unter 20 dafür nominiert. Nicht nur, aber auch wegen der Freiheit von Noten.

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