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Vor der geschlossenen Firma Wilke gähnt nun ein leerer Parkplatz.

Wurstskandal

Hessische Wurstfirma Wilke belieferte Kliniken und Unis

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Vor Bekanntwerden des Keimskandals wurden Salami und Schinken vielerorts ausgegeben. Inzwischen ist die Ware aussortiert worden.

Wurst der Firma Wilke ist bis zum Bekanntwerden des Lebensmittelskandals in mehreren Großküchen in Hessen verarbeitet worden, etwa in Kliniken und Universitätsmensen. Das haben Recherchen des Hessischen Rundfunks zutage gefördert.

Danach haben beispielsweise die Universitätsklinik Gießen und Marburg, die Lahn-Dill-Kliniken an ihren Standorten Wetzlar, Dillenburg und Braunfels und das Klinikum Fulda Wilke-Produkte ausgegeben. Überall hieß es auf Anfrage des Senders, die Fleischwaren seien spätestens am 2. Oktober aussortiert worden, als der Wurst-Fabrikant geschlossen und der Skandal publik wurde.

Ähnlich verhält es sich mit den Hochschulen, die von Wilke beliefert worden waren. Der Hessische Rundfunk nannte Kassel, Marburg und Gießen. In Marburg habe Wilke-Landsalami auf belegten Brötchen gelegen, in Gießen Putenbrust, Kochschinken und Frühstücksschinken. Zuvor hatte der Möbelhändler Ikea bekanntgegeben, dass er Produkte von Wilke aus seinen Restaurants genommen habe.

Firma will weitermachen

In Wurst des nordhessischen Herstellers waren Listerien eines Typs gefunden worden, die für alte und kranke Menschen oder für Babys gefährlich sein können. Mitte September hatten die Behörden den Nachweis geführt, dass die Keime mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Tod zweier Menschen und die Erkrankung von 37 weiteren verantwortlich waren. Der Betrieb im Landkreis Waldeck-Frankenberg wurde am 1. Oktober geschlossen. Er hat vorläufige Insolvenz angemeldet, gegen seinen Geschäftsführer laufen Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

Die Firma will jedoch offenbar weitermachen. Wilke reichte am Donnerstag einen Eilantrag ein, mit dem sich das Unternehmen gegen die durch den Landkreis Waldeck-Frankenberg verfügte Betriebsuntersagung zur Wehr setzt. Das wurde vom Verwaltungsgericht Kassel mitgeteilt.

Am 1. Oktober war Wilke „das Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen von Lebensmitteln in der Betriebsstätte in Berndorf“ mit sofortiger Wirkung untersagt worden. Gegen diesen Bescheid legte die Firma laut Gericht Widerspruch ein, „ um den Betrieb fortführen zu können“.

Die Zukunft der 200 Beschäftigten des geschlossenen Fleischherstellers ist ungewiss. Am Montag hatte Insolvenzverwalter Mario Nawroth sie zut Mitarbeiterversammlung eingeladen und unter anderem zum Insolvenzgeld informiert. „Aktuell ist es das Wichtigste, dass die Mitarbeiter an ihr Geld kommen“, erklärte Andreas Kampmann, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) am Donnerstag. So stünden noch viele Septemberlöhne aus. Wie und ob es für Wilke weitergehe, sei völlig unklar.

„Aktuell ist die Gefahr groß, dass die Mitarbeiter ihre Jobs verlieren, wenn sich nicht schnell etwas verändert“, sagte Kampmann. Er hofft, dass sich ein Investor findet, der eine Verwendung für den Betrieb hat – wenn auch nicht unter ursprünglichem Namen. „Selbst mit ganz viel Wohlwollen fällt es mir schwer, sich vorzustellen, wie man den Markennamen Wilke künftig noch platzieren will.“

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Dabei ist das nordhessische Unternehmen offenbar noch im Juli auf legalem Weg an ein IFS-Prüfzertifikat des Lebensmittelhandels gekommen. Wilke habe der Prüfungsgesellschaft DQS die nötigen Unterlagen wie Laboranalysen, Inspektionsberichte und Besuchsprotokolle der Lebensmittelaufsicht vorgelegt, sagte Stephan Tromp, Geschäftsführer der Dachorganisation IFS-Management: „Insofern gehen wir nach derzeitigem Sachstand nicht davon aus, dass DQS von Wilke getäuscht wurde.“

Allerdings nutzte das Unternehmen laut Tromp eine legale Möglichkeit, sich auf den Besuch der Prüfer vorzubereiten: Es wählte eine Prüfvariante, bei der sich die Kontrolleure anmelden. Auch das hält Tromp für wirkungsvoll: Der Prüfer bewege sich frei im Betrieb. Begutachtet würden Management, Produktionsprozesse, Mitarbeiter-, Anlagen- und allgemeine Hygiene, Zustand der Gebäude, Umgang mit Behörden-Beanstandungen und mehr. Dabei habe Wilke belegt, dass ein Listerien-Ausbruch vom April 2019 erfolgreich bekämpft worden war. Tromp vermutet, dass es bei Wilke zwei Ausbrüche der Keime gab – vor und nach der Prüfung. pit/dpa

Ein Forscherteam unter Gießener Leitung identifiziert in China eine bislang unbekannte Form von Listerien-Keimen.

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