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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Probatorische Sitzungen

Kranke in Hessen ohne Dach über dem Kopf

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Hessische Psychotherapeuten werfen Gesundheitsminister Jens Spahn „inhaltlichen Unfug“ vor.

Hessische Psychotherapeuten rufen zum Widerstand gegen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf: „Es ist die Frage, ob er überhaupt verstanden hat, um was es hier geht“, sagt Stefan Baier aus Offenbach, der mit 16 anderen Kollegen aus Frankfurt, Offenbach und Bensheim eine Protestnote formuliert hat, die der FR vorliegt.

Ihre Hauptkritik richtet sich gegen die monatliche Verpflichtung zu einer sogenannten probatorischen Sitzung, die die Terminservicestellen vermittelt hat. Probatorische Sitzungen sind normalerweise dafür da, regelmäßige Psychotherapien vorzubereiten. Doch dafür liegen die durchschnittlichen Wartezeiten in Hessen bekanntlich bei 15 Wochen. Sprich: Patient und Behandler haben keine Chance, die Beziehung bald fortzusetzen.

Baier vergleicht diesen Zustand mit dem eines undichten Dachs, das der Handwerker anfängt abzudecken. Danach regnet es monatelang hinein, weil der nächste Arbeitstermin erst nach langer Pause stattfinde. „Das ist inhaltlicher Unfug“, sagt Baier. Ein Psychotherapeut sei nun mal kein Hautarzt, der mit einem einzigen Termin ein akutes Leiden heilen oder zumindest lindern könne. „Es braucht mindestens vier weitere probatorische Sitzungen und anschließend eine Psychotherapie.“ Die Antwort auf die gesteigerte Nachfrage müssten mehr Therapeuten sein und nicht Vorschriften, die seiner Profession Faulheit unterstellten. Mehr als 30 Patienten schaffe er in seiner 50-Stunden-Woche nicht, in der auch noch der Papierkram erledigt werden müsse.

In ihrem Brief schildern die 17 Psychotherapeuten ihr Dilemma: Entweder sie hielten erhebliche Anteile ihrer Arbeitszeit frei, um bei Bedarf die vermittelten Patient umfassend behandeln zu können. Diese Zeit fehlt ihnen dann für die Stammpatienten. Oder sie reservierten lediglich die verpflichtende eine probatorische Sitzung pro Monat. „Das würde heißen, der Therapeut beginnt das Dach abzudecken. Und die Patienten müssen dann sehen, wie sie in den nächsten Monaten ohne Dach zurechtkommen.“

Es ist nicht zu erwarten, dass das am Donnerstag im Bundestag verabschiedete Terminservice- und Versorgungsgesetz die Situation entschärft. Im Gegenteil, meint Karl Roth, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen. Die staatlichen Eingriffe würden noch stärker, Ärzte und Psychotherapeuten müssten noch mehr Kapazitäten für von der Terminservicestelle vermittelte Patienten frei halten. „Das wird den Ärger in den Praxen noch einmal erhöhen“, prognostiziert der KV-Sprecher. Dort wird jetzt unter Hochdruck daran gearbeitet, die Terminservicestellen auf die zusätzlichen Aufgaben vorzubereiten, die das neue Gesetz vorschreibt. Sie müssen Tag und Nacht besetzt und erreichbar unter der Telefonnummer 116 117 sein, wie jetzt schon der Ärztliche Bereitschaftsdienst.

Zum 1. Januar muss die Neuorganisation abgeschlossen sein. Laut Terminservice- und Versorgungsgesetz ist dies der späteste Starttermin.

Kontakt

Die Terminservicestelle vermittelt Kassenpatienten mit dringender Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin.

Für Augenarzt, Gynäkologen oder Erstgespräch der „Psychotherapeutischen Sprechstunde“ ist die Überweisung nicht notwendig.

Geöffnet ist sie montags bis donnerstags, 9 bis 16 Uhr, freitags, 9 bis 14 Uhr. Die Telefonnummer lautet 069 / 400 500 00. jur

www.kvhessen.de

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