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Die Welt begreifen – wie hier Kinder im Stadtmuseum Hofheim – sollen auch Hessens Schüler im Geographieunterricht. 

Bildung

Hessische Professoren streiten für Erdkunde

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Die beschlossene Ausweitung des Politikunterrichts nährt die Furcht um den Bestand des Fachs Geographie. Das Kultusministerium beschwichtigt, kann aber auch nicht sagen, wie beides unter einen Hut zu bekommen sein könnte. Derweil wächst der Protest.

Die Erdkundelehrer in Hessen fürchten, dass ihr Fach an den Rand gedrängt wird. Grund ist die Absicht der Landesregierung, die politische Bildung zu stärken und deshalb das Fach Politik und Wirtschaft (PoWi) bis zum Abitur zur Pflicht zu machen. Beides zugleich aber passt kaum in den Stundenplan. Nun springen die Hochschulprofessoren den Lehrkräften bei.

„Geografie ist das Zukunftsfach schlechthin, es betrachtet als einziges systematisch das Spannungsfeld zwischen Mensch und Umwelt“, wirbt Rainer Mehren von der Universität Gießen, wo er künftige Erdkundelehrer ausbildet. Ob es um die Rodung des Regenwalds gehe oder um die Verschmutzung der Ozeane, um Ferntourismus, die Energiewende, Mobilität oder die Gründe für Migration: Geografie betrachte die Zusammenhänge, beschreibe Ursachen und Folgen in ihrer ganzen Komplexität und sei damit eine „Schutzmauer gegen Populismus“. Es sei gerade in Zeiten zunehmenden Populismus’ wichtig, die politische Bildung zu stärken, findet der Professor. „Aber das kann nicht allein mit Politik und Wirtschaft als Fach geschehen.“

Enger Stundenplan

Politik und Wirtschaftmuss in den ersten beiden Jahren der dreijährigen gymnasialen Oberstufe belegt werden. Künftig soll es durchgängig bis zum Abitur im Stundenplan bleiben.

Erdkundemuss in der Oberstufe nicht belegt werden.

34 bis 37 Unterrichtsstundenje Woche sind üblich.

Die Petition läuft unter www.openpetition.de/petition/online/erdkunde-fuer-hessen-2020 

Mit seiner Haltung steht er nicht allein. Mehren leitet einen runden Tisch, an dem die Geografieprofessoren aus Marburg, Gießen und Frankfurt gemeinsam mit den Vertretern der Studienseminare, Fachleitern von Schulen und Mitgliedern des Verbands der Schulgeografen gemeinsam für den Erhalt des Erdkundeunterrichts eintreten. Sie wollen die Schüler zwischen Po-Wi und Geografie wählen lassen. Zudem soll Erdkunde zumindest im ersten Oberstufenjahr zur Pflicht werden.

Bei openpetition.de haben sie eine Onlinepetition gestartet, die fast 6000 Unterstützer gefunden hat. Sie haben die Landtagsabgeordneten angeschrieben und 5000 Protestpostkarten an das Kultusministerium drucken lassen, auf denen Unterstützer schreiben können, warum sie Erdkunde für unentbehrlich halten. Zur Fridays-for-Future-Bewegung gibt es viele Kontakte.

Unterstützung erfahren die Geografen auch von unerwarteter Seite: Armin Schwarz, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, schreibt: „Erdkunde ist ein Bildungsfach für Nachhaltigkeit und wird ein wichtiges Fach an den Mittel- und Oberstufen bleiben.“ Und Sebastian Sommer, Vorsitzender der CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union, fordert: „Eine Ausweitung des PoWi-Unterrichts darf nicht zu Lasten des bereits stark ausgedünnten Erdkundeunterrichts gehen.“

Wie dies gelingen soll, ist allerdings unklar. Auf Anfrage teilt das von Alexander Lorz (CDU) geführte Kultusministerium mit, man nehme die Besorgnis ernst. Ziel sei es, eine Lösung zu finden, die der im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen vereinbarten Stärkung des Faches Politik und Wirtschaft entspreche und gleichzeitig der Bedeutung der Erdkunde gerecht werde. Mit der Umsetzung aber sei in diesem Jahr nicht mehr zu rechnen.

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