Sieht aus wie „Game of Thrones“, ist aber keine Fantasy: „Was kostet die Welt“ dokumentiert den Kampf einer Insel im Ärmelkanal gegen die feindliche Übernahme. Bettina Borgfeld
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Sieht aus wie „Game of Thrones“, ist aber keine Fantasy: „Was kostet die Welt“ dokumentiert den Kampf einer Insel im Ärmelkanal gegen die feindliche Übernahme.

Dokumentarfilm

Hessische Dokumentarfilmer widmen der Filmform ein Forum

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Mit Kinodokumentationen aus Hessen und der Welt feiert die AG DOK in neun Städten des Bundeslandes den nonfiktionalen Film und zugleich ihr 40-jähriges Bestehen.

Was verbindet Witzenhausen mit Frankfurt? Am kommenden Sonntag sind die Mainmetropole und die nordhessische Kleinstadt zwei von neun Spielorten des 1. Hessischen Dokumentarfilmtages. Neun Kinos schließen sich im Bundesland zusammen und bieten der nonfiktionalen Filmgattung ein Forum. Die Veranstalter der AG DOK, der bundesweiten „Arbeitgemeinschaft Dokumentarfilm“ mit Sitz in Frankfurt, beginnen mit dem Kinotag ihr Jubiläumsjahr zum 40-jährigen Bestehen.

„All Creatures Welcome“ taucht ab in digitale Communities.

Doch warum Witzenhausen? „Wir wollen mit dem Publikum ins Gespräch kommen“, sagt Hannes Karnick von der AG DOK. Und um die Distanzen für Interessierte so gering wie möglich zu halten, wurde gerade nicht die eine große Stadt als zentraler Spielort gewählt, sondern viele Regionen des Bundeslandes werden bespielt: von Weiterstadt im Süden über Gießen in der Mitte Hessens bis Witzenhausen im Norden. Von der HessenFilm GmbH erhielten die Veranstalter dafür 20 000 Euro Förderung.

Das Programm beschränkt sich auf acht Filme. In den teilnehmenden Kinos werden am Sonntag jeweils einer bis drei gezeigt. Bei fast jeder Vorführung werden die Filmemacher für Gespräche vor Ort sein. Das bedeutet auch, dass nicht nur die Filme quer durchs Land ziehen, sondern auch ihre Macher. Thomas Frickel, Vorsitzender der AG DOK, zeigt seinen Film „Deckname Dennis“ von 1995 beispielsweise mittags in Marburg und nachmittags in Kassel. Andere Gäste zieht es ebenfalls von Stadt zu Stadt. Frickel scherzt: „Vielleicht treffen wir uns auf der Autobahn und winken uns zu.“

Die Veranstalter werden damit einem Kern des Dokumentarfilms gerecht. Im Unterschied zum fiktionalen Spielfilm konzentriert sich die Produktion bei Dokumentationen nicht auf das hermetische Umfeld von Filmstudios. Vielmehr ist es unabdingbar, Geschichten vor Ort zu entwickeln und so über die Lebensumstände einzelner Menschen größere Zusammenhänge erfahrbar zu machen.

In Frankfurt zu sehen: Der Film „All Creatures Welcome“ erkundet die Hackerwelt.

Genau das macht etwa der Film „Was kostet die Welt?“ von Bettina Borgfeld, der im Frankfurter Mal-Seh’n-Kino und im Capitol in Witzenhausen gezeigt wird. Die aus Bad Homburg stammende Filmemacherin nimmt sich darin die Macht des Kapitals zum Thema und dokumentiert exemplarisch den Kampf der Bewohner der Insel Sark im Ärmelkanal gegen die Übernahme durch zwei Milliardäre.

In Filmen wie diesen erklärt sich auch das Motto des Filmtags: „Näher an der Wirklichkeit“. Der Slogan ist als Selbstanspruch zu verstehen und formuliert ein Alleinstellungsmerkmal. Man wolle zeigen, wie vielfältig Dokumentarfilme mit den Konstruktionen von Wirklichkeit umgingen, erklären die Macher und, „wie viel Mühe, Handwerk und Kenntnis Filmemacher*innen darein legen, ein Thema oder eine Geschichte in all ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit darzustellen“.

Während Fakten in Zeiten wachsender Medienskepsis und einer immer fragmentierteren Gesellschaft einen schweren Stand haben, soll der Dokumentarfilm ein Bollwerk sein. „Wir stehen für eine Authentizität, die andere nicht so leisten können“, betont Hannes Karnick.

Aktualität war bei der Filmauswahl kein zwingendes Kriterium. Im Darmstädter Rex-Kino ist erstmalig auf der Leinwand ein dokumentarischer Fernseh-Mehrteiler aus dem Jahr 2002 zu sehen. In „Familienkrieg“ erzählt Reinhard Schneider in drei mal 45 Minuten die Radikalisierung eines 17-Jährigen in der Neonaziszene – und ist damit, obwohl der Film fast 20 Jahre alt ist, wieder mitten in gegenwärtigen Debatten.

„Ich bin große Gläubige des Kinos als Kulturort“: Melanie Gärtner im Filmhaus.

Mehr als 20 weitere Jahre liegt die Gründung der AG DOK zurück. 1980 schlossen sich in Duisburg bei einem Dokumentarfilmfestival 84 Frauen und Männer zusammen, um sich für bessere Wahrnehmung, Produktionsbedingungen und öffentliche Förderung einzusetzen.

Seit 1984 sitzt die Geschäftsstelle in Frankfurt. Aus Hessen gehörte damals auch Hannes Karnick dem Gründungsvorstand an. Es folgte „ein langer Kampf, um sich in der Filmszene einen Platz zu erobern“, erzählt Thomas Frickel. Heute sitzt er als Vorsitzender der AG DOK im Verwaltungsrat der Filmförderanstalten und sagt zufrieden: „Wir sind da angekommen, wo wir jahrelang hinwollten.“ Der 1. Hessische Dokumentarfilmtag bildet nun den Auftakt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten.

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